Rezension: Digitalisierung – Subjekt – Bildung

Was kann aus einer Arbeitsgruppe bei einem Kongress von Erziehungswissenschaftlern nicht alles entstehen – ein Sammelband über den „diffusen (Diskurs-)Gegenstand Digitalisierung in seinen mannigfaltigen Verflechtungen“ zum Beispiel, gespickt mit „theoretischen, dezidiert kritischen Perspektiven […], die bildungspolitisch kaum Gehör finden“. Meine Rezension ist in der Zeitschrift Außerschulische Bildung 4/2020 erschienen.

Valentin Dander, Patrick Bettinger, Estella Ferraro, Christian Leineweber, Klaus Rummler (Hrsg.): Digitalisierung – Subjekt – Bildung. Kritische Betrachtungen der digitalen Transformation„, Opladen u.a. 2020. Verlag Barbara Budrich, 280 Seiten. Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 4/2020, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 65-66. Das Zitat oben im Buch auf S. 7.

Zwölf Beiträge beschäftigen sich mit den Mechanismen digitaler Transformation, deren Tendenz zur Vereinnahmung kompletter wirtschaftlicher und technischer Prozesse, deren umwälzender Wirkung auf Gesellschaft, Medien und Institutionen aller Art – und dem Verhältnis des einzelnen Menschen dazu, der doch irgendwie darauf reagieren muss.

Die Bildung kommt ins Spiel, da jede/r auf die Digitalisierung des gesamten Lebens vorbereitet werden muss – und die Bildung selbst digitalisiert wird. „Sofern wir jedoch in Wissenschaft und Bildungspraxis weiterhin auf eine Gesellschaft hinarbeiten wollen, die sich Setzungen wie Gleichheit, Mitbestimmung und Solidarität verschreibt, bliebe weiterhin die Frage zu bearbeiten, auf welche Weise in diesen Widersprüchen Kritik, Subversion und Gestaltbarkeit der Umstände behauptbar bleiben können. […] In welchem Verhältnis steht Transformation als Bildungsanforderung zu einem ‚Position-Beziehen‘ als Bildungsziel? In welchen Erfahrungsräumen können widerständige, subversive, kritische Praktiken erlebt und geübt werden?“ (S. 12) Die Autoren stellen mehr Fragen, als sie selbst beantworten können – und schaffen so den Raum für neue Ideen und weitere Diskussionen über Kapitalismuskritik, Handlungsmacht in digitalen Öffentlichkeiten, Gaming und Partizipation, ästhetische Medienkritik, Medienpädagogik und die Praxis wissenschaftlichen Publizierens.

Im Folgenden weitere Beispiele: Estella Ferraro untersucht, wie sich Subjekte in Anbetracht ewiger Speicherung digitaler Daten selbst positionieren (S. 57ff.). Denn die eigene Meinung kann sich ja ändern – das Netz aber vergisst selbst die kleinste öffentliche Äußerung aus womöglich lange vergangenen Zeiten nicht. Kritik wird erschwert, weil die Bedingungen des Digitalen gleichsam das Recht auf Vergessen behindern und Momente ewiglich machen können. Menschen reagieren mit Selbstzensur, Anonymisierung und einem Gefühl, sowieso nicht mehr Herr*in über eigene Daten zu sein – und spätestens hier wird es dann „demokratiepolitisch bedenklich“.

Allesandro Barberi und Christian Swertz zeigen Größe (S. 77ff.) – nämlich in Bezug auf die Denker, an denen sie sich in ihrem Beitrag orientieren: Über Horkheimer, Adorno, Weber, Bourdieu, Benjamin und viele weitere führt der Weg zur Erkenntnis, wie sich eine individuelle und auch kollektive Souveränität in digitalen Strukturen erhalten kann – durch Medienaktivismus, Widerstand, Subversion und politisches Handeln nämlich. Die Konsequenz ist ein „Medienkompetenzbegriff, der zentral auf einem Dualismus zwischen öffentlicher Kritik und privater Gestaltung von Medien, Macht, Herrschaft und Ideologie aufbaut“ (S. 14).

Maximilian Waldmann geht in seinem Beitrag auf Fake News ein, die viel mehr sind als gezielte Falschmeldungen, nämlich „ein aktuelles Problem, das gesellschaftliche, digital-mediale, wahrnehmungs- und gruppenpsychologische sowie letztlich auch politische Dynamiken umfasst“. Sie bieten daher Gelegenheit „für die Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in mediale Dynamiken“ (S. 98) und letztlich für ein politisches, die eigene Rolle ständig hinterfragendes Verständnis von Medienbildung. Denn kein Faktencheck dieser Welt kommt zum Beispiel an gegen den „Fake“-Diskurs um angeblich gewalttätige muslimische Männer, gegen dessen Täuschungsabsichten und dessen Versuch eines exklusiven Community-Buildings.

Ann-Kathrin Stoltenhoff und Kerstin Raudonat widmen sich digitalen Gestaltungsmöglichkeiten aus der Perspektive des Cyber-Feminismus (S. 118ff.). Diskutiert werden institutionell verankerte Angebote und neue Praktiken im World Wide Web, um technisch-mediale sowie Diskurs-Fähigkeiten von Frauen zu fördern. Vor allem aber zeigen die Autorinnen, dass antifeministische Attacken auf solche Initiativen noch viel zu gleichgültig hingenommen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Schlussfolgerung äußerst pragmatisch: Trotzdem weitermachen!

Heidrun Allert berichtet aus einer Studie über sogenannte digitale Nomaden, die ein selbstbestimmtes Leben möglichst außerhalb staatlichen Zugriffs und Ländergrenzen führen – aber dennoch mit den Widersprüchen ihres Lebensmodells leben müssen. Sie sind nämlich enorm abhängig, zum Beispiel von technischen Infrastrukturen und den daten-kapitalistischen Erlösmodellen der Online-Plattformen von Amazon über YouTube bis Instagram. Allert stellt spannende Überlegungen darüber an, „welche Praktiken der Digitalisierung in öffentlichen Bildungseinrichtungen eingesetzt werden können“ (S. 16), um auf „Individualisierung, Privatisierung, Entstaatlichung und Internetökonomie“ (S. 209) zu reagieren – und so den Lebensmodellen digitaler Nomaden solche entgegenzusetzen, die sich „Demokratie und Gemeinschaftlichkeit“ (S.16) verschreiben.

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Autor: sebhaas

Jetzt Politische (Erwachsenen-)Bildung, einstmals zum Zeitungsjournalisten ausgebildet, einiges studiert, in Geschichte promoviert.

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