Rezension: Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital.?!

Und noch eine Rezension für die Zeitschrift Außerschulische Bildung – dieses Mal in Zusammenhang mit der Verleihung des Reinhard Mohn Preises. Den verleiht die Bertelsmann-Stiftung jedes Jahr an „renommierte Persönlichkeiten für wegweisende Lösungen zu gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen“. 2017 ging’s dabei um die Folgen der Digitalisierung auf unser aller Lebenswelt. Großes Thema, abgehandelt im eher dünnen Bändchen „Smart Country“.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital. (Reinhard Mohn Preis 2017)“ Gütersloh 2017. Verlag Bertelsmann Stiftung, 96 Seiten. Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 2/2018, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 63-64 (hier als PDF).

Zu den Folgen der Digitalisierung auf die Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger, auf die gesellschaftliche Verantwortung und auf die politische Führung ist bereits alles gesagt und geschrieben worden (außer vielleicht in TV-Duellen um die Kanzlerschaft hierzulande). Die Erwartungen des informierten Lesers können also kaum erfüllt werden.

Was ist ein Smart Country… eigentlich nicht?

Und so undeutlich erscheint die Definition dessen, was ein vernetztes, intelligentes und digitales Smart Country nun genau sein soll: moderne Kommunikationstechnologie mit digitalen Standards und Anwendungen werden da also durch die Politik gefördert; eine sichere und belastbare Netzinfrastruktur überwindet räumliche Distanzen; in der Folge entsteht eine freundliche Grundhaltung der Bevölkerung in Bezug auf den digitalen Wandel, daraus wiederum eine gestärkte Medienkompetenz und (politische) Teilhabe – Dinge, die in Deutschland nur in Ansätzen vorhanden sind (S. 11ff., S. 29ff. und nochmals S. 77ff). Als zentrale Handlungsfelder zur Förderung des Smart Country werden Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Arbeit, Mobilität und Logistik, Gesundheit und Pflege, Lernen und Information ausgemacht. Wo eigentlich greift das Smart Country nicht ein? Diese Auswahl ohne weitere Schwerpunktsetzung wird aber zumindest mit vielen Positiv-Beispielen aus aller Herren Länder veranschaulicht (S. 19ff.).

Den wirklich interessanten Teil der Studie eröffnet ein Zitat des ehemaligen estnischen Staatspräsidenten Toomas Hendrik Ilves. Der Träger des Reinhard Mohn Preises „Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital“ steht Pate für die gesamte Veröffentlichung: „Internet access alone is not enough to reap the benefits of digital development, as most of the work has be done at the level of state governance, legislation and education.“ (S. 37) Der Wunsch der Autoren übrigens, die digitale Vorreiter-Nation Estland möge ihre Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union im zweiten Halbjahr 2017 nutzen, um „das Thema der digitalen Transformation ganz oben auf der europäischen Agenda zu platzieren“ (S. 46), ist inzwischen an der politischen Realität zerschellt.

Estland macht schnell

Nichtsdestotrotz beeindruckt Estland mit der digitalen X-Road-Infrastruktur, die den sicheren Datenaustausch zwischen verschiedenen öffentlichen und privaten Teilnehmern ermöglicht – von der Gesundheitsdatenbank bis zum Bankwesen (S. 37ff). Was man von Estland lernen kann: Schritt für Schritt und unter Einbindung der Wirtschaft handeln, statt allumfassende Vorhaben für die Digitalisierung öffentlicher Leistungen „so lange zu durchdenken und zu planen, bis sie von der technischen Realität überholt werden“. Das verbessere die Chance, Digitalisierung als etwas Normales anzusehen und „mit positiven Attributen wie Sicherheit, Vereinfachung des Alltags oder neuen Marktchancen“ zu verbinden (alles S. 46). Ähnliches wird für Schweden konstatiert, das zu einem sehr frühen Zeitpunkt den flächendeckenden Breitband-Ausbau vorangetrieben hat (S. 47ff.).

Innovationsland Israel

Israel wird als innovative Start-Up-Nation vorgestellt (S. 57ff.), die bereits seit Jahrzehnten über die eigenen Landesgrenzen hinweg junge Unternehmen mit ihren Geschäftsmodellen fördert „und damit die israelische Gesellschaft als weltweites Vorbild für technische und wissenschaftliche Innovationen an die Spitze setzt“ (S. 8). Auch die Einwanderungspolitik, die auf Hochqualifizierte zielt, und die „kulturell und strukturell enge Verzahnung von Militär, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft beförderten die Diffusion des technologischen Wissens“ (S. 65).

E-Government in Österreich

Österreich setzt vorbildlich digitale Technologien ein, um den demografischen Wandel zu bewältigen (S. 67ff.). Das Stichwort lautet E-Government, der mit finanziellen Anreizen zum Durchbruch verholfen wird – digitale Dienstleistungen der Verwaltung sind gut 40 Prozent günstiger als die analogen. Ähnlich wie in Estland und Schweden definiert die Regierung lediglich den regulativen Rahmen für die Einführung neuer Technologien. Der Prozess selbst ist „iterativ und ergebnisorientiert gestaltet, sodass die Lösungen mit der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts mithalten können. Weniger steht die Legitimation einer Entscheidung im Vordergrund als vielmehr die Lösung eines Problems.“ (S. 74) Zu wünschen ist natürlich, dass Problemlösung und Legitimation wieder gleichrangig behandelt werden.

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