Rezension: Online Hate Speech – Perspektiven auf eine neue Form des Hasses

Nach langer Pause habe ich mich mal wieder daran gewagt, ein Buch zu rezensieren – und dann gleich eines mit einer Mission. Warum der Sammelband „Online Hate Speech – Perspektiven auf eine neue Form des Hasses“ über unglaublich unproduktive und niveaulose Hasskommentare im World Wide Web trotz der einen oder anderen Länge dennoch wichtig ist, erkläre ich in der Zeitschrift Außerschulische Bildung.

Kai Kaspar/Lars Gräßer/Aycha Riffi (Hrsg.): Online Hate Speech. Perspektiven auf eine neue Form des Hasses“ (Düsseldorf und München 2017, kopaed, 191 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 1/2018, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 60-61 (hier als PDF).

Hasskommentare im World Wide Web sind unglaublich unproduktiv und niveaulos. Warum also einen Sammelband dazu veröffentlichen? Weil diese „schmerzhafte[] Begleiterscheinung menschlicher Gesellschaft“ durch den Einsatz digitaler Medien „eine neue, vielfach virale Qualität erreicht“ hat (S.13).

Es sind diverse Formen von Diskriminierung, Bedrohung oder Belästigung entstanden. Sie sind schnell durchführbar, eine „perfide Alltagswaffe (oder vielleicht auch Allzweckwaffe) gegen Einzelne und bestimmte soziale Gruppen“. Und Online Hate Speech ist zum Beispiel durch sogenannte Trollfarmen zum Mittel professioneller Propaganda geworden, mit der systematisch – und teils auch staatlich gesteuert – Gerüchte und Falschinformationen auf europäischen und US-amerikanischen Online-Medienseiten gestreut werden (alles S. 27).

Cornelius Strobel nähert sich dem Phänomen aus der Perspektive der politischen Bildung, die wieder einmal nur mittelfristig helfen kann: „durch das Aufzeigen von Grundlinien der politischen Debatte und der Grenzen im gegenseitig respektvollen Dialog“ (S.29). Politischer Dialog muss in einer Demokratie auf allen Kommunikationskanälen möglich sein, er kann schmerzhaft sein – doch für Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus darf kein Platz sein. „Hier muss die politische Bildung die Grenze ziehen. Dass dies nicht nur Aufgabe der politischen Bildung sein kann, muss genauso klar sein. Jede und jeder ist aufgefordert, auf diese Grenze hinzuweisen. Und zwar deutlich. Die politische Bildung muss hier wohl manchmal auch lauter werden, als sie es in der Vergangenheit war.“ (S.33)

Ein Schwerpunkt des Buches (ab S. 49) widmet sich den Fragen: Wer hasst, aus welchen Motiven, und warum bringt das Netz diesen Hass so viel näher an uns heran? Es geht unter anderem um die Recherche zum Absturz des Fluges MH17 oder um diskriminierenden Sprachgebrauch in Online-Rollenspielen. Ein Beitrag erklärt die Rolle von Empfehlungsalgorithmen und Social Bots für die Verbreitung von Cyberhate (Lena Frischlich, Svenja Boberg und Thorsten Quandt ab S. 71). Das Fazit ist denkbar fatalistisch: Es liegt eben an dem, was die Programmierer programmieren, und was die Nutzer nutzen. „Bei Hass im Netz hilft es, sich vor Augen zu führen, dass nur ein sehr kleiner Teil der Internetnutzer*innen für einen Großteil der feindseligen Inhalte verantwortlich sein kann […].“ Nicht die Spur einer Idee, wie man die kleinen Programme in den Sozialen Netzwerken kontrollieren könnte. Etwas weiter geht die Empfehlung an Wirtschaftsunternehmen, Geld und Jobs in Social Media Monitoring und die interne Vorbereitung auf Kritik von außen zu investieren, die Reaktion auf den (womöglich durch Bots verbreiteten) Shitstorm zum Teil der Krisenkommunikation zu machen (Jörg Hoewner ab S. 97).

Willkommene Abwechslung bietet ein Interview – und auch die anderen protokollierten Expertengespräche – mit der YouTuberin und Chefredakteurin der Medieninitiative MESH Collective Franziska von Kempis über die Rolle des Hasses in Video-Netzwerken (ab S. 121) und der einfachen wie einleuchtenden Empfehlung: Wahrt Contenance! So wird auch allen anständigen Politikerinnen und Politikern als Hausaufgabe mitgegeben, ihrer Rolle als Vorbilder und Meinungsführer wieder gerecht zu werden. Wissenschaft und Forschung werden angehalten, Effektivität, Effizienz und Akzeptanz der medienpädagogischen Ansätze gegen Hate Speech weiter zu erforschen.

Prävention gegen Online Hate Speech ist also durchaus möglich. Einige Projekte werden im abschließenden Teil des Sammelbands vorgestellt (ab S. 125). Wer sich nicht durch Beschreibungen von Projektphasen und Projektkoordination von BRICkS, #denk_net und anderen arbeiten möchte, dem sei die Auflistung von Projekten und Webpräsenzen ab S. 171 empfohlen – ein wenig Surfen hat schließlich noch niemandem geschadet.

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