Datenjournalismus und sichere Recherche – (m)eine Tagung am 1./2. August

Egal ob SPIEGEL oder ZEIT, SZ oder BR – für alle großen Anbieter gilt: Data-driven journalism (Datenjournalismus) wird für die Berichterstattung immer wichtiger, Daten werden zum zentralen Gegenstand einer Geschichte. Grund genug für mich, eine Tagung samt Workshop zum Thema anzubieten – am 1. und 2. August 2017 in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.
Ambitionierter Datenjournalismus bringt Vorteile: Journalisten können Informationen strukturieren und neue Ansätze fürs Storytelling gewinnen, das Publikum kann oft selbst bestimmen, wie tief es in ein Thema einsteigt. Datensätze dafür gibt es zuhauf, immer mehr Institutionen stellen sie on- wie offline zur Verfügung. Investigative Recherche sowie das Filtern, Bereinigen und Formatieren der Daten sind dann nur die ersten Schritte auf dem Weg zu einer erfolgreichen Berichterstattung, die grafische Umsetzung und interaktive Gestaltung der Rechercheergebnisse kommt hinzu.

Können einzelne Journalistinnen und Journalisten das leisten, oder funktioniert Datenjournalismus nur im Team? Ist er auch ohne Programmierkenntnisse oder für kleine Redaktionen zu leisten? Was wissen wir über die Erwartungen der Nutzer an Daten-Projekte? Wie können Redaktionen ihre Daten schützen? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich der erste Tag meiner Tutzinger Journalistenakademie Anfang August, zu der interessierte (Lokal-)Journalisten, freischaffende Einzelkämpfer und der Nachwuchs aus Journalismus und Medienwissenschaft herzlich eingeladen sind.

Der Tag beginnt mit einem Input aus der Wissenschaft: Gabriele Glasstetter und Frederik von Castell vom Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben eine Studie zum Selbstverständnis des Datenjournalismus in Deutschland durchgeführt und stellen ihre Ergebnisse vor: Wer macht überhaupt Datenjournalismus, mit welchen Mitteln und welcher externen Unterstützung, wie sieht es im Lokalen aus – das sind die Hauptfragen, die es zu beantworten gilt (und die die beiden garantiert beantworten).

Danach sind die Praktiker an der Reihe: Sylke Gruhnwald hat für den Schweizer Rundfunk das Datenjournalismus-Team aufgebaut und arbeitet nun für den Beobachter in Zürich, Hannes Munzinger hat für die Süddeutsche Zeitung die Panama Papers mit ausgearbeitet, ist also irgendwie Pulitzer-Preisträger. Die beiden sprechen unter dem Motto „Recherche, Daten und ihre Qualität“ darüber, wie man überhaupt Daten erhält, wie man ihre Vertrauenswürdigkeit überprüft, wie und mit welcher Software und mit wieviel Gehirnschmalz sie am besten gesichtet werden.

Wie die Daten dann in Grafik oder bewegte Bilder umgesetzt werden können, ist dann das Thema von Hendrik Lehmann – der mit seinem Datenjournalisten-Team vom Berliner Tagesspiegel schon einige Journalistenpreise abgeräumt hat – und Alexandra Kohler von der Neuen Zürcher Zeitung. Welche Möglichkeiten der Visualisierung gibt es überhaupt, vom Tortendiagramm bis zur interaktiven Online-Simulation, welche Hard- und Software benötige ich dafür, und braucht es unbedingt einen Grafiker oder Programmierer, der dabei hilft? Auf die Antworten bin hoffentlich nicht nur ich gespannt.

Es folgt schon langsam die Überleitung zum zweiten Tag der Veranstaltung: bei der Podiumsdiskussion „Redaktionen und Datenschutz“ gibt zunächst Daniel Moßbrucker (den ich bereits letztes Jahr zu Gast hatte – ich habe selten einen Journalisten erlebt, der so fit in Sachen Datenschutz ist) einen Überblick über Zugriffsmöglichkeiten auf Daten durch Justiz, Spionage, kriminelle Machenschaften, was auch immer, und wird zumindest andeuten, wie er sich die Sicherung der Daten vor Fremdzugriff vorstellt – oder etwa auch von der anderen Seite betrachtet: wie Journalistinnen und Journalisten mit den Daten umgehen sollten, damit am Ende nicht der User/Leser aus den Daten auf Einzelpersonen oder Gruppen schließen kann. Mit auf dem Podium sitzen die alle, die bereits in der Akademie versammelt sind, und erzählen hoffentlich davon, wie das bei Ihnen gehandhabt wird. Den Abschluss bildet eine lockere und offene Runde, an denen alle nochmals ihre liebsten Projekte aus dem Datenjournalismus vorstellen und die Tagungsgäste einfach an bestimmten Stationen mit ihnen plaudern können.

Am zweiten Tag dann wage ich – zumindest für unser Haus – fast Ungeheuerliches: Wir wechseln komplett die Perspektive und das Format und verkleinern die Gruppe auf höchstens 15 Interessierte. Diese werden dann selbst aktiv und fragen beim Workshop „Investigative Recherche im digitalen Zeitalter“: Wie kann ich als investigativer Journalist meine Ergebnisse schützen, meine digitalen Spuren gegebenenfalls verwischen oder bestenfalls gar nicht erst entstehen lassen? Den Workshop hält, wie könnte es anders sein, Daniel Moßbrucker, der mit der einen Hälfte seiner Tätigkeit auch Referent für Informationsfreiheit im Internet bei Reporter ohne Grenzen ist. Daniel hat seinen Workshop bereits einige Male angeboten und verfeinert und coacht einen – mit Sicherheit intensiven – Tag lang zu den folgenden Schwerpunkten:

  • Recht: Informantenschutz in Deutschland, Zugriffsmöglichkeiten auf digitale Daten von Journalisten, Ermittlungsmöglichkeiten gegen Journalisten im digitalen Zeitalter.
  • Technik: Aussagekraft digitaler Daten, Warum Daten entstehen, Wo welche Daten entstehen.
  • Praxis: Kryptografie vs. Steganografie (also die verborgene Speicherung oder Übermittlung von Informationen) vs. Digitaler Verzicht, Tools und Techniken für Journalisten, Journalistische Recherche im digitalen Zeitalter, Was Whistleblower von Journalisten erwarten.

Interesse an einer Teilnahme? Dann schaut Euch – sobald es online ist – auf der Homepage der Akademie für Politische Bildung das komplette Programm für den 1./2. August 2017 an. Anmeldungen sind – entweder nur für den Tagungsteil am 1.8. oder auch zusätzlich für den Workshop am 2.8. – sind dort ebenfalls möglich.

Fragen und Anregungen für die Diskussion (nicht mehr für die Auswahl der Vortragenden ;))? Dann meldet Euch direkt bei mir, ich freue mich wirklich über Feedback und lerne gerne für eine der nächsten Veranstaltungen dazu.

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