Rezension(en): Medienpädagogik

Das digitale Datenvolumen der Welt verdoppelt sich alle zwei Jahre. Milliarden internetfähige Geräte und vernetzte Sensoren, stetig fließende Datenströme und selbstlernende Algorithmen – wir leben im Zeitalter von Big Data. Ansätze zum Umgang mit dieser gesellschaftlichen Revolution aus Perspektive der Medienbildung und medienpädagogischen Forschung untersuchen gleich drei Sammelbände, die ich für die Ausgabe 4/2016 der Zeitschrift Außerschulische Bildung besprochen habe.„Harald Gapski: Big Data und Medienbildung. Zwischen Kontrollverlust, Selbstverteidigung und Souveränität in der digitalen Welt“ (München 2015, kopaed, 139 Seiten, hier online). „Katja Friedrich, Friederike Siller, Albert Treber: smart und mobil. Digitale Kommunikation als Herausforderung für Bildung, Pädagogik und Politik“ (München 2015, kopaed, 268 Seiten). „Thomas Knaus, Olga Engel: fraMediale. Digitale Medien in Bildungseinrichtungen, Band 4“ (München 2015, kopaed, 233 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 4/2016, S. 66-67, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB).

403-4_nrw3_grossDie Leitfragen des Sammelbands  „Big Data und Medienbildung“lauten: Lässt sich souveränes Handeln in Datenwelten durch digitale Selbstverteidigung und digitale Ethik stützen, statt vor der Markt- und Analysemacht der Konzerne und Nachrichtendienste zu kapitulieren? Kann die Medienpädagogik eine digitale Bildungsidentität Einzelner oder gar der gesamten Gesellschaft aufbauen?

Die im ersten Teil des Sammelbands zusammengefasste theoretische Unterfütterung überzeugt, geht allerdings kaum über den Problemaufriss und teils selbstverständliche Handlungsempfehlungen hinaus (wie könnte es bei einem so aktuellen, wissenschaftlich und pädagogisch so schwer zu greifenden Phänomen, auch anders sein). So empfiehlt Isabel Zorn (TH Köln), interdisziplinäre Netzwerke aus Medienpädagogik und Bildungsinstitutionen aufzubauen und „ihre Softwarepolitik und Softwareausstattung nach pädagogisch relevanten Kriterien zu überprüfen und zu gestalten“ (S. 30). Niels Brüggen (JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) betont: „Angesichts der Totalität der Datenerfassung/Überwachung und der Potenz der Prognosetechnologien reicht die Adressierung der Selbstverantwortung im Sinne von ‚Think before you post‘ schlicht nicht mehr aus.“ (S. 55) Er hofft, innerhalb der – hoffentlich noch nicht manipulierten – demokratischen Willensbildung auf „Möglichkeiten, gespeicherte Daten einzusehen“ (S. 60).

Herausgeber Harald Gapski (Grimme-Institut) stellt Thesen zur Diskussion, die in ihrer Umsetzung für Schwierigkeiten sorgen dürften: unter anderem sei mehr Kompetenz auf der Ebene von Prozessdaten und Codierung nötig, auch die „Wirkungsweisen von Algorithmen und ihre technischen, ethischen, rechtlichen u.a. Konsequenzen“ (S. 69) müssten von Pädagogik und Politik anschaulich vermittelt werden. In die Lebenswirklichkeit der Leser dringt Stefan Selke (Hochschule Furtwangen) mit seinem Beitrag über die Risiken digitaler Selbstvermessung vor. Diese Technologie greife durch ihre Förderung „zunehmender Abweichungssensibilität und ständiger Fehlersuche“ (S. 95) in das Wertegefüge der Gesellschaft ein. „Selbstvermesser werden zu Konformisten, blind für die Möglichkeiten eigenen Denkens und eigener Entscheidungen“ (S. 105) sowie des Umgangs mit Überraschungen, Geheimnissen und Intuition. Individueller Entscheidungswille sei nur durch Gegenbewegungen wie Digital Detox zurück zu gewinnen.

Je weiter man diesen Sammelband liest, desto näher an der medienpädagogischen Praxis sind die Beiträge. Petra Grimm (Institut für Digitale Ethik/HdM) und Birgit Kimmel (LMK/EU-Initiative klicksafe) haben eine medienethische Roadmap entwickelt, die in sieben Stufen einen Reflexionsprozess zu Big Data und Privatsphäre anregen soll (S. 126). Eine weitere Brücke zur pädagogischen Praxis baut Gerda Sieben (jfc Medienzentrum). Sie stellt unter anderem die Arbeitshilfe „Big Data für die Jugendarbeit“ vor (S. 133ff.), in der Strategien wie selektive Abstinenz, Datensparsamkeit, digitale Selbstverteidigung, Data-Projekte und -Planspiele und ja, auch politisches Engagement, thematisiert werden.
Es wird spannend sein zu erfahren, wie Big Data vermehrt das Leben aller Bürger bestimmt und wie die Medienpädagogik damit umgeht. Daraus schöpft sich die Hoffnung, dass die Autoren dieses anregenden Sammelbandes in einer Fortsetzung/Neuauflage nochmals dazu Stellung nehmen.

349-5_gmk49_grossFest in der medienpädagogischen Praxis verankert, voller lobenswerter Studien und Einsatzbeispiele sind die Sammelbände „fraMediale“ sowie „smart und mobil“. Gerade im letzterem Fall wäre eine ständig aktualisierte Online-Publikation dem Thema gerechter geworden, nach dem von Thomas Knaus propagierten Motto: „Smarte und mobile Technik motiviert nicht unmittelbar, sondern vernetzt uns mit anderen, die uns motivieren.“ (S. 36) Vieles aus dieser „Momentaufnahme […] der deutschen Bildungslandschaft des Jahres 2014“ (S. 12) erscheint dem digital verorteten und medienpädagogisch interessierten Leser von heute selbstverständlich. Das gilt für den Rat, beim Einsatz mobiler das Individuum in der Bildungsplanung zu berücksichtigen (u.a. S. 85ff., S. 99ff., S. 131ff.), ebenso wie für die „4 K-Regel für modernen Unterricht“ (S. 101f.): die Förderung von Kommunikation, Kollaboration, Kritischem Denken und Kreativität als Grundlage selbstgesteuerten Lernens.

169-9_framediale4_grossDa sich hinter „digitalen Medien“ ein Kompendium aus Bedeutungen, Erwartungen und Techniken verbirgt, empfehlen die Herausgeber des „fraMediale“-Bands, in Bezug auf Bildungseinrichtungen mit dem Begriff des digitalen Werkzeugs zu arbeiten (S. 15ff.). Die besprochenen Projekte reichen von universitären Onlinekursen über Audio-Podcasts für den Mathematikunterricht bis zu Tablets in Schulen. Dabei gilt für alle Kontexte: einmal kennengelernt wollen die meisten Lehrenden und Lernenden „gerade auf die einfachen digitalen Werkzeuge, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen, nicht mehr verzichten“ (S. 8, vgl. S. 73ff.) – schließlich bieten sie eine erweiterte Form der Kommunikation über Technik und Inhalte, regen zum selbständigen Arbeiten an und fördern Lernerfolge (S. 139ff.). Jedoch fehlt es vor allem an Schulen an geeigneten didaktischen Konzepten, um digitale Werkzeuge jahrgangsübergreifend und sinnvoll einzusetzen (Beispiel digitale Tafeln auf S. 157ff.).

„Harald Gapski: Big Data und Medienbildung. Zwischen Kontrollverlust, Selbstverteidigung und Souveränität in der digitalen Welt“ (München 2015, kopaed, 139 Seiten, hier online). „Katja Friedrich, Friederike Siller, Albert Treber: smart und mobil. Digitale Kommunikation als Herausforderung für Bildung, Pädagogik und Politik“ (München 2015, kopaed, 268 Seiten). „Thomas Knaus, Olga Engel: fraMediale. Digitale Medien in Bildungseinrichtungen, Band 4“ (München 2015, kopaed, 233 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 4/2016, S. 66-67, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s