Rezension: Ziemann – Veteranen der Republik

Die Erinnerung an den Krieg war nach 1918 ein zentrales politisches Konfliktfeld. Sozialdemokratische Veteranen beispielsweise nutzten die demokratische
Öffentlichkeit, um eine pazifistische Deutung des Krieges zu vertreten und gegen den heroischen Nationalismus der Rechten zu verteidigen. Diese pro-republikanischen Erinnerungen stehen im Mittelpunkt der Studie von Benjamin Ziemann (University of Sheffield). Meine Rezension erschien in der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift Außerschulische Bildung.
„Benjamin Ziemann: Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933“ (Bonn 2014, Dietz Verlag, 384 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 2/2016, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 65-66 (hier auch als PDF).

Ziemann stellt sich gegen einen Mythos, nach dem der Krieg als heiliges Ereignis für eine Generation zur Brutalisierung der politischen Kultur geführt habe. Ziemann will das partizipatorische Potenzial der Weimarer Republik hervorheben – eine Zeit, in der die Bevölkerung mit den modernen sozialen, politischen und kulturellen Möglichkeiten experimentierte. So wurde die größte Interessenvertretung der Veteranen – der bis zu 830.000 Mitglieder umfassende Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen – von Sozialdemokraten organisiert. Gemeinsam mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold unterstützte der Reichsbund die Parteien, die 1919 die Weimarer Koalition gebildet hatten.

ziemann-veteranenDoch die Aktivität der republikanischen Kriegsveteranen war von Ambivalenzen geprägt: Erstens mussten die Sozialdemokraten „mit ihrer Bewilligung der Kriegskredite (…) ins Reine kommen“ (S. 15). Zweitens banden sie Frauen nicht systematisch in die Gedenkarbeit ein und beschränkten sich damit gegenüber dem rechten Lager, in dem „Frauen ihren festen Platz im Projekt einer Erneuerung der Nation hatten“ (S. 307). Drittens musste sich das pazifistisch motivierte Reichsbanner als paramilitärische Formation präsentieren, um in der Öffentlichkeit Ansprüche aus dem eigenen Militärdienst ableiten zu können.

Die Erlebnisse der Frontsoldaten dienten nach 1918 als Zeugnis für den Gemütszustand des Volkes im Krieg und als Vorbild für künftige Generationen. So werden im ersten Hauptkapitel der Studie (S. 31 ff.) populäre Bücher besprochen, deren Autoren kritisch über die inneren Zustände der deutschen Armee berichteten. Im Mittelpunkt standen dabei die Korruption innerhalb der Offiziersklasse und „die Ausbeutung der als Opfer einer brutalen Kriegsmaschinerie stilisierten einfachen Soldaten“ (S. 66). Das half zwar, Stimmung gegen die Hohenzollernmonarchie zu machen. Aber es erschwerte, Kriegserinnerungen zur Aktivierung der Veteranen einzusetzen. „Die Stilisierung des Frontsoldaten als Opfer eines rigiden Unterdrückungssystems schloss aus, dass er in der Weimarer Republik eine Vorbildfunktion für das kollektive Handeln demokratischer Staatsbürger haben konnte.“ (S. 310)

Nachdem die Themen des Erinnerns und die Verbindung zum republikanischen Engagement der Veteranen analysiert wurden (S. 72 ff.), taucht das dritte Kapitel in das Umfeld eines Reichsbannermannes ein (S. 112 ff.). Fritz Einert folgte 1926 einem Aufruf des Historikers Ludwig Bergsträsser zur Zurückweisung der Dolchstoßlegende und stellte seine Kriegserinnerungen zur Verfügung; auch er stilisierte einfache Soldaten als Opfer übermächtiger äußerer Kräfte. Das vierte Kapitel (S. 150 ff.) widmet sich der Rhetorik von Reichsbund und Reichsbanner im öffentlichen Gedenken an die Gefallenen. Deren Tod wurde als Aufruf für internationale Versöhnung interpretiert. Das fünfte Kapitel beschreibt den an der verbandsinternen Uneinigkeit gescheiterten Versuch, ein zentrales nationales Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen zu errichten (S. 191 ff.). Außerdem werden ehemalige Weltkriegsoffiziere vorgestellt, die sich zu Unterstützern der Republik gewandelt hatten und dem kaiserlichen Generalstab die Hauptverantwortung für die deutsche Niederlage zuwiesen (S. 228 ff.).

Im siebten Kapitel (S. 269 ff.) stehen die Jahre ab 1928 im Mittelpunkt. Zwar hielten die republikanischen Veteranen auch da ihr Engagement aufrecht. Doch ihre Parole „Nie wieder Krieg“ zog für die nun herangewachsene Generation, die den „rücksichtslosen Verleumdungen radikaler Nationalisten“ (S. 314) verfiel, nicht mehr. Die Mitglieder von Reichsbund und Reichsbanner antworteten mit einer verstärkten sozialistischen Klassenrhetorik, was zur Ausgrenzung vieler potenzieller Anhänger führte. Diese Unfähigkeit, „die Stärkung der Republik aus einer Perspektive der Überparteilichkeit“ (S. 311) zu verfolgen, macht die Erfolgsgeschichte des Reichsbanners zugleich zum Fehlschlag.

Kein Fehlschlag ist es jedenfalls, Ziemanns detailgetreue Studie selbst zur Hand zu nehmen und nachzuvollziehen, wie das Kriegserlebnis das Denken Fritz Einerts, einiger ehemaliger Weltkriegsoffiziere und – was heute kaum mehr bekannt ist – mehrerer Hunderttausender eindeutig pazifistisch geprägt hat. So ergeben sich aus der Aktivität von Reichsbund und Reichsbanner grundlegend neue Einsichten für die Stabilität und die Zerstörung der Weimarer Republik.

„Benjamin Ziemann: Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933“ (Bonn 2014, Dietz Verlag, 384 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 2/2016, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 65-66 (hier auch als PDF).

Advertisements