Rezension: Kroll / Zehnpfennig – Ideologie und Verbrechen

Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts waren ideologisch begründet. Den logischen Konsequenzen aus dem Denken der Ideologen widmet sich der Sammelband von Frank-Lothar Kroll (TU Chemnitz) und Barbara Zehnpfennig (Passau). Sie haben Experten aus der Geschichts- und Politikwissenschaft, Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaft gebeten, sich mit dem ideologischen Denken an sich, mit dem Zusammenhang von Ideologie und Verbrechen sowie mit den Beziehungen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Meine Rezension erschien in der Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift Außerschulische Bildung.

„Frank-Lothar Kroll / Barbara Zehnpfennig: Ideologie und Verbrechen. Kommunismus und
Nationalsozialismus im Vergleich“ (München 2014, Wilhelm Fink Verlag, 306 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung , Ausgabe 1/2016, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 66-67 (hier auch als PDF).

ideologie-verbrechenRolf Zimmermann nähert sich dem Phänomen des Totalitarismus aus moralphilosophischer Perspektive. Er bemerkt, dass Nazismus und Bolschewismus die Vorstellung einer einheitlichen Menschheitsmoral in Frage gestellt haben. Die Erosion geltender Moralvorstellungen zeige sich an den Phasen der „Diskriminierung, Entrechtung, Misshandlung, Verfolgung und Vernichtung“ (S. 14). Daher müsse der egalitäre Universalismus von heute „gegebenenfalls auch mit Machtmitteln“ (S. 39) verteidigt werden. Hendrik Hansen erkennt im Denken von Marx alle „Merkmale einer totalitären Ideologie“ (S. 64): ein umfassendes und geschlossenes Welterklärungsmodell, das gegen jede Korrektur durch empirische Erfahrung immunisiert wird und das Geschichte wie Gegenwart als unerbittlichen Kampf zwischen Gut und Böse deutet. „Dieser Wille zur Vernichtung des Geistes und zur Reduktion des Menschen auf das Bedürfnis ist nicht eine Erfindung von Lenin oder Stalin, sondern liegt bereits dem Werk von Marx zugrunde.“ (S. 65)

Frank-Lothar Kroll untersucht, welche Arten des Antisemitismus ihre Konsequenz im Nationalsozialismus hatten, und bemerkt: „Das Verbrechen des Holocaust war Ausdruck und Folge eines auf Handlung und Tat drängenden paranoiden Denkens.“ (S. 136) Doch erst die politisch-militärische Konstellation seit Frühjahr 1941 habe es „den von einer verbrecherischen Ideologie angetriebenen nationalsozialistischen Henkern“ ermöglicht, „die Juden Europas zu deportieren und zu liquidieren“ (S. 137f.). Wolfgang Bialas zeichnet nach, dass sich diese Mordpolitik auf rassistische Denkmuster gründete, nach denen Angehörige einer sogenannten artfremden Rasse nicht erwarten konnten, „überhaupt als moralische Subjekte behandelt“ und daher möglicherweise „konvertiert oder vom Gegenteil ihrer falschen Weltanschauung überzeugt“ zu werden (S. 161).

Manuel Becker vergleicht den NS-Staat und die DDR hinsichtlich ihrer Feindbilder, die beide ein „klar definiertes dichotomes Freund-Feind-Schema“ (S. 240) aufweisen, sich aber in der dogmatischen Gewichtung unterscheiden: „Der unerbittliche Glaube an die unbedingte Ausrottung der Juden wurde tatsächlich umgesetzt, wohingegen nie versucht wurde, die Ausrottung des Faschismus in ähnlicher Weise planmäßig umzusetzen.“ (S. 244) Jochen Staadt beschreibt die Funktion des Antifaschismus in der DDR, also der systematischen wie geräuschlosen Eingliederung ehemaliger NS-Angehöriger. So gehörten den diversen Zentralkomitees der SED insgesamt 27 ehemalige NSDAP-Mitglieder an, dazu kommt eine nicht unbeträchtliche Anzahl von (stellvertretenden) Ministern. Rechtsradikale Zwischenfälle, Rassismus und Antisemitismus in der DDR wurden aus der öffentlichen Diskussion ebenfalls systematisch verdrängt.

Weitere Aufsätze beschäftigen sich mit der Weltanschauung Hitlers (Barbara Zehnpfennig), dem Verhältnis von Ideologie und Gewalt im Kommunismus (Lothar Fritze), den weltanschaulichen Beziehungen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus (Friedrich Pohlmann), den politischen Beziehungen zwischen Sowjetunion und Drittem Reich (Bogdan Musial), dem Totalitarismus als Herausforderung für Demokratietheorie und demokratische Praxis (Eckhard Jesse / Sebastian Liebold) sowie den Nachwirkungen der Rechtskulturen des Dritten Reiches und der DDR im vereinigten Deutschland (Michael Stolleis).

Die Beiträge des Sammelbandes sind zum größten Teil Fallstudien – und so mussten sich die Herausgeber mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass ihre Autoren den Weg von der Ideologie zum Gewaltexzess teils zu geradlinig zeichnen und dass sich der Vergleich der Diktaturen nicht damit begnügen darf, allein das Denken der Ideologen zu analysieren. „Wer die Wahrheit in Reden, Texten und Rechtfertigungen sucht, erfährt, wie geredet, geschrieben und gesprochen wird, aber nicht, was die Diktatur ist und was sie mit den Menschen macht“, erklärte beispielsweise Jörg Baberowski in der FAZ vom 11.August 2014. Dennoch ist es beeindruckend, mit welcher Akribie und welchem Weitblick die Autoren die Ursprünge und Konsequenzen totalitären Denkens herausarbeiten. Den gewünschten Anstoß zur Kontroverse bietet das vorliegende Buch in jedem Fall, und tatsächlich regen die durchweg lesenswerten Aufsätze zur Reflexion und hoffentlich weiteren Forschung an.

„Frank-Lothar Kroll / Barbara Zehnpfennig: Ideologie und Verbrechen. Kommunismus und
Nationalsozialismus im Vergleich“ (München 2014, Wilhelm Fink Verlag, 306 Seiten). Rezension aus der Zeitschrift Außerschulische Bildung, Ausgabe 1/2016, hrsg. vom Vorstand des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), S. 66-67 (hier auch als PDF).

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