Album des Monats: Benjamin Clementine – At Least For Now (Mai 2015)

Dass ich das letzte Mal so sprachlos vor einem Debütalbum eines Künstlers saß und es wieder und wieder hören musste, ist schon lange her: 2007 war das, als mich (Vorsicht!) Mika mit seinem Life in Cartoon Motion und dessen überbordender Spielfreude so beeindruckt hatte. Leider wurde dieser Mika von den üblichen Dudel-Sendern als Superstar aufgebauscht, das zweite Album war nur ein Abklatsch des ersten, von ihm kam seitdem nichts Brauchbares mehr. Benjamin Clementine – das prophezeie ich an dieser Stelle – wird es nicht so gehen.

Mit Cornerstone hat Clementine erstmals vor zwei Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Wer sich diesen Auftritt bei Jools Holland ansieht, weiß warum.

Von Manchen wird Clementine schon als der kommende Superstar gefeiert (wie hier in der Süddeutschen). Seine Geschichte – als moderner Clochard in Paris von der Straße weg mit einem Plattenvertrag ausgestattet – ist ja auch zu verführerisch. Und auch seine affektierten Auftritte, oft im schwarzen Lodenmantel, bei denen das eine oder andere Klavier seinen Geist aufgegeben haben soll, lassen auf ein nicht zu kleines Ego schließen. Doch ist das alles wirklich echt? Und wessen Superstar soll Benjamin Clementine denn werden? Eine Art Jamie Cullum vielleicht, der die Genregrenzen zwischen Pop, Jazz und Klassik überbrückt. Doch für die Massen ist Clementines Musik einfach zu komplex, zu anstrengend, zu unvorhersehbar, zu spannungsgeladen, zu vielseitig.

Benjamine Clementine klingt (so beschreibt es die ZEIT) nach Nina Simone, Luciano Pavarotti, Eric Satie und Franz Liszt gleichzeitig. Mal spielt er mit kleinen Melodien, mal haut er wilde Akkordfolgen in die Tasten, mal wimmert er und mal schreit er sich die Seele aus dem Leib. Weil man sich nie ganz sicher sein kann, was in den nächsten Sekunden eines Stückes passiert, ist seine Musik so unglaublich fesselnd.

Jetzt endlich zum Album At Least For Now selbst und zu meinen vielen Favoriten darauf. Bereits der Opener Winston Churchill’s Boy ist ein völlig unangepasstes Stück Musik und zeigt, wo es künftig langgeht: Das knapp zweiminütige Intro ist schon schwer zu greifen und zitiert tatsächlich Churchill („Never in the field of human affection had so much been given for so few attention“), erst mit dem Einsetzen einer dominanten Dreiklangfolge und von ein wenig Schlagwerk und Streichern stellt sich so etwas wie Befriedigung für das Ohr ein. Then I Heard A Bachelor’s Cry beginnt als gefühlvolle Ballade. Klavier, Streicher, Stimme formen einen wunderschönen Klangteppich. Dann aber ein bedrohliches Staccato, und wie viele Emotionen in so einem einfachen „Uuuh-uuuh“ liegen können, sollte sich jeder selbst anhören. London ist das einzige Stück des Albums, das meiner Meinung nach Single-Charakter besitzt, weil es zumindest das Strophen-Refrain-Schema einhält. Abgesehen davon: eine schöne Melodie, eine durchdringende Stimme, ein Supersong! Wen Clementine bis hierher nicht gepackt hat, sollte lieber wieder Ballermann-Hits hören.

 

Mit Adios geht es verstörend weiter: auf dem Klavier wiederholt sich durchgehend eine kurze Tonfolge, Clementines Stimme (be)drängt, dann scheint er sich zu verlieren, erzählt von Engelslauten, ahmt diese nach, und findet den Faden doch wieder.

 

Einen Song dem Untergang zu widmen und Nemesis zu nennen, dazu gehört schon Mut. Und wie Clementine diesen Untergang inszeniert, mit Klavierakkorden, dem tickenden Schlagwerk, den Streichern, seinem „Humm-Humm“ und seinem zunehmend emotionalen, packenden Gesang – das ist fantastisch!

 

Besonders aufregend scheint es anfangs nicht, was in Condolence geschieht: wieder ein paar Streicher, nur zwei, drei immer wiederholte Töne auf dem Klavier, ein wenig Schlagwerk – aber mit dem Einsetzen von Clementines Gesang ändert sich der komplette Klang des Stückes, wunderschön, intensiv, direkt ins Herz, anhören!

 

Meinen Soundtrack des Monats Mai dominieren außerdem (alphabetisch sortiert):

  • Bilderbuch – Auch nach ein paar Monaten läuft das Album Schick Schock bei mir in Dauerschleife, herrlich durchgeknallt und die Grenzen der Genres brechend. Der Hörtipp ist wohl ihr bekanntester Song: Maschin.
  • Jesper Munk – der junge Münchner macht auf seinem aktuellen Album Claim Blues wie die Alten. Smalltalk Gentlemen klingt dabei verdächtig nach den White Stripes.
  • Laura MarlingShort Movie. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, bringt die Songschreiberin beinahe jährlich ein wundervolles Album heraus. Ihr Geheimrezept: schlichtes Gitarrenspiel, exzellente Texte und eine packende Stimme. Mein Hörtipp: I Feel Your Love.
  • Noel Gallagher’s High Flying Birds – für alle, die Oasis lieb(t)en, ist Chasing Yesterday genau das Richtige. Für mich auch. Hier gibt’s das Video zu In the Heat of the Moment.
  • Villagers mit Darling Arithmetic. Ein Album voll mit schwer zugänglichen, kleinen, feinen, minimalistischen Pop-Perlen. Mein Hörtipp: Dawning on me.

 

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