Grandiose Rückkehr mit „Rosie“ (für die PNP)

Regisseur Marcel Gisler (Foto: privat).

Was für ein furioses Comeback: noch im letzten Jahrtausend hat der Schweizer Regisseur Marcel Gisler seinen bisher letzten Kinofilm gedreht, und nun kehrt er mit Rosie zurück – dem aufrüttelnden Porträt einer älteren Dame, die sich gegen Krankheit, Bevormundung und ihre eigene Familie zur Wehr setzt. Am Mittwoch, 21. Mai 2014, um 19.30 Uhr stellt Gisler zusammen mit Schauspieler Sebastian Ledesma seinen Film in der Filmgalerie Bad Füssing vor. Im Auftrag der Passauer Neuen Presse durfte ich mit ihm sprechen.

Lieber Herr Gisler, wie war es, nach 15 Jahren wieder einen Kinofilm zu drehen? Die Medienwelt hat sich seit dem Ende der 1990er-Jahre ja gewandelt wie niemals zuvor.

Gisler: Erstaunlicherweise fiel mir die Rückkehr zum Langfilm leicht. Mit der neuen Technik und der digitalen Produktion musste ich mich vertraut machen, auch sind die Kosten deutlich gestiegen, ebenso der Zeit- und Erfolgsdruck. Groß aufgeregt war ich aber nicht. Ich hatte die Filmbranche ja nicht verlassen, habe Regie und Schauspiel unterrichtet und Drehbücher für eine Fernsehserie geschrieben.

Was erzählen Sie in Rosie über sich selbst und über ihre Mutter?

Gisler: Der Film ist autobiografisch inspiriert, viele der Figuren darin, und selbst der Drehort ist authentisch, der mein Heimatort ist. Dennoch überwiegen die fiktionalen Elemente: in meinem Leben gab es keinen Mario und keinen Liebhaber meines Vaters, den ich aufgespürt hätte. Es gab nur Gespräche und Gerüchte darüber, dass er vielleicht schwul war wie so viele Männer seiner Generation, die womöglich ein „normales“ Leben gegen ihre Veranlagung geführt haben. Den Charakter von Rosie habe ich im Drehbuch so präzise wie möglich nach dem Vorbild meiner eigenen Mutter entworfen – und dann kommt eine Schauspielerin, in diesem Fall Sibylle Brunner, und füllt diesen Steckbrief mit neuem Leben. Da muss man als Autor dann auch loslassen können.

Ihr Film beginnt ja fast komödiantisch im Stile der Golden Girls, nimmt dann aber zusehends mehr Handlungsebenen und Problemstellungen mit auf…

Gisler: …und wir starten dennoch mit einem großen Problem – die Mutter wird pflegebedürftig und die Kinder kommen zurück in ihre Heimat. In diesen existenziellen Momenten des Familienlebens kann es doch aber auch sehr lustig werden. Wir lachen ja auch auf Beerdigungen beim Leichenschmaus. Und zu den verschiedenen Handlungsebenen: Wenn ich über eine Familie spreche, habe ich doch automatisch viele Geschichten zu erzählen – so viele wie es Mitglieder gibt in der Familie. So ist es auch bei „Rosie“. Ich habe mich einfach um eine realistische Erzählung bemüht.

Rosie-Plakat„Rosie“ ist bereits vielfach ausgezeichnet worden, der SPIEGEL schrieb über sie (und könnte damit übrigens auch den zurückgekehrten Sohn im Film meinen): „Manchmal fällt erst auf, wie sehr jemand gefehlt hat, wenn er wieder da ist.“ Eine Genugtuung für Sie?

Gisler: Keine Genugtuung, aber ich war berührt. „Rosie“ wurde in der Schweiz hervorragend aufgenommen, war Eröffnungsfilm des wichtigsten Filmfestivals für den Schweizer Film in Solothurn, es gab einige Preise. Aber ich habe gedacht, nach 15 Jahren sei ich in Deutschland vergessen und würde es unendlich schwer mit meinem Projekt haben. Dass es augenscheinlich nicht so ist, freut mich sehr.

Stimmt es, dass Sie Ihren Darsteller Sebastian Ledesma am Küchentisch eines Freundes gecastet haben? Der hat vor dieser Produktion noch nie vor einer Kamera gestanden, und war dann gleich als bester Nebendarsteller für den Schweizer Filmpreis nominiert. Was hat Sie an ihm so überzeugt?

Gisler: Für alle anderen Rollen im Film gab es Vorbilder, für diesen fiktiven Charakter nicht. Als ich Sebastian – tatsächlich bei einem Abendessen mit Freunden – traf, habe ich mir gedacht: so eine Offenheit und Direktheit habe ich mir für die Figur vorgestellt. Ein Casting musste er schon noch durchlaufen, hat sich da aber so gut geschlagen, dass klar wurde, wir haben ein Naturtalent entdeckt. Sebastian spielt ja nicht sich selbst wie man das oft von Laien annimmt – er ist privat nicht der einfache Junge vom Land, sondern durch und durch Städter – insofern war er schauspielerisch genauso auf der Höhe wie die drei Theater-Profis um ihn herum.

Den Film gibt es in zwei Versionen, eine komplett auf Schwyzerdütsch und eine in deutscher Synchronisation. Warum eigentlich?

Gisler: Das Arthouse-Publikum schätzt das Original, das ist in der Regel kraftvoller, da die Stimmmodulation sich organisch aus dem Schauspiel ergibt. Für ein breiteres Publikum aber benötigt man die Synchronisation, viele Zuschauer empfinden es als mühsam Untertitel zu lesen. Bei einer Synchronisation stehen die Schauspieler statisch vor einem Mikrophon und bewegen sich kaum beim Sprechen. Physische Zustände werden stimmlich nachgeahmt. In unserer Synchronfassung sprechen die Hauptrollen sich selbst, wir haben also auf den professionellen Hörspielton verzichtet – und damit den Charme der Originalfassung so weit wie möglich erhalten.

ZU REGISSEUR UND FILM

Regisseur Marcel Gisler (Foto: privat).

Regisseur Marcel Gisler (Foto: privat).

Marcel Gisler, 1960 geboren und aufgewachsen Schweizer Kanton St. Gallen, studierte Theaterwissenschaften und Philosophie an der Freien Universität, Berlin. 1985 realisierte er seinen ersten Langspielfilm TAGEDIEBE, der mit dem silbernen Leoparden beim Internationalen Filmfestival von Locarno ausgezeichnet wurde. Alle seine nächsten Filme (F. EST UN SALAUD, DIE BLAUE STUNDE und SCHLAFLOSE NÄCHTE) waren gekürt von Preisen und beachtlichem Kinoerfolg. 2003-2007 schrieb er ausschließlich für die Schweizer Fernsehserie LÜTHI & BLANC, insgesamt 35 Folgen. Zwischen 1999 und 2008 unterrichtete er als Gastdozent an den Hochschulen ESAV (Genf), écal (Lausanne), F+F (Zürich). Seit 2009 ist er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie dffb Berlin tätig als Dozent für Schauspielführung und für Drehbuch- und Regiebetreuung.

Nun folgt sein Comeback auf der Kinoleinwand mit ROSIE – ein Film über eine Frau, die selbt nach einem Schlaganfall partout ihre Unabhängigkeit bewahren will. Ihr Sohn Lorenz, Schriftsteller in Berlin, und ihre Tochter Sofie müssen sich nun Gedanken über die Zukunft der eigenen Mutter machen. Eigentlich müsste sie ins Heim. Doch Rosie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen jede Bevormundung, lässt kein gutes Haar an ihrer Tochter und packt Geschichten aus der eigenen Ehe aus. Dabei entgeht Lorenz im Eifer des Gefechts fast, dass sich der junge Helfer Mario für ihn interessiert…

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