Hannas Reise – nach Bad Füssing (für die PNP)

Wieder einmal durfte ich eine Filmemacherin zu Ihrem aktuellen Film interviewen – und diese Frau hat mich wirklich beeindruckt: Regisseurin Julia von Heinz produziert nicht nur in aller Regelmäßigkeit ausgezeichnete Filme, nein, sie zieht zugleich auch drei Kinder groß und hat auch noch ihre Doktorarbeit über den Einfluss des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf den deutschen Kinofilm erfolgreich abgeschlossen. Das Gespräch für die Passauer Neue Presse über den Film Hannas Reise (und vieles mehr) könnt Ihr unten lesen. Wer Julia von Heinz persönlich kennenlernen und befragen möchte, kann dies am Mittwoch, 19. März, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing tun.

Hanna ist Mitte zwanzig, zielstrebig und blendet alles aus, was nicht ihre eigenen Interessen betrifft. Und nun legt die Unternehmensberatung, bei der sie sich bewirbt, Wert auf soziales Engagement! „Etwas mit Juden kommt immer gut, behinderte Juden zählten doppelt“, denkt sich Hanna, und erschwindelt sich ein Praktikum bei einer Hilfsorganisation in Israel, für die ihre Mutter arbeitet. Doch die denkt nicht daran, der Tochter ein gefälschtes Zeugnis auszustellen. So landet Hanna in Tel Aviv, um mit geistig Behinderten und Holocaust-Überlebenden zu arbeiten – und eine Haltung zu ihrem Leben, zur deutschen Geschichte und zu offensiv flirtenden Israelis aufzubauen.

Hannas Reise erzählt, wie das Leben alle Pläne durcheinanderwirbeln kann und wie sich die deutsche Geschichte auch auf das Leben der jungen Generation auswirkt. Regisseurin Julia von Heinz stellt ihren Film am kommenden Mittwoch um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing (Reservierungen unter Tel. 08531/29284) vor – und stand der Passauer Neuen Presse bereits Rede und Antwort.

Liebe Frau von Heinz, ich verneige mich zutiefst vor Ihnen. Sie haben drei Kinder im Alter von drei bis elf Jahren, haben seit 2007 fünf Filmprojekte realisiert und eine Promotion abgeschlossen. Geht das nur,  wenn man eine Perfektonistin ist – oder wenn man es gerade nicht ist?

Julia von Heinz: Es geht vor allem, wenn einen der Partner unterstützt und wenn man wie ich freiberuflich arbeiten kann. In einem festen Angestelltenverhältnis mit klaren Arbeitszeiten wäre ich nie flexibel genug gewesen, um Film, Wissenschaft und Familie unter einen Hut zu bringen. Und vor allem für die Promotion gilt: man braucht starkes Interesse an seinem Thema. Bei mir ging es um den Einfluss des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf den deutschen Kinofilm. Das ist ein Thema, das mit meiner beruflichen Realität als Regisseurin zu tun hat und in der Branche viel diskutiert wird. Ich wollte dazu Faktenwissen haben.

Haben Sie für mich und meine Freunde aus der Wissenschaft noch einen besonderen Rat für die Endphase der Promotion? Übersteht man die mit möglichst viel oder möglichst wenig Ablenkung am besten?

von Heinz: Ich kann Ihnen nur sagen, wie es bei mir war – ich war im neunten Monat schwanger mit meinem dritten Kind und wusste: in ein paar Wochen wird es absolut unmöglich sein, in absehbarer Zeit wieder irgendetwas an der Promotion zu tun. Und wenn ich es jetzt – nach fünf Jahren – nicht schnellstens zu Ende bringe, habe ich eine Leiche im Keller, die ich nicht mehr loswerde.

Sie haben noch nie einen Film gedreht, der nicht mit Publikums-, Jury- oder Förderpreisen bedacht wurde. Wie schafft man das?

von Heinz: Nun übertreiben Sie – bei Hannas Reise ist es nämlich nicht so! Noch nicht. Aber mein Mann und ich, mit dem ich die meisten Drehbücher zusammen schreibe, stecken einfach sehr viel Arbeit und sehr viel Herzblut in jeden Film. Gerade als Autodidakten sind wir auch von dem Gedanken getrieben, dass jeder Film der letzte sein könnte. Es kommt bei mir nie Routine auf, sondern ich habe den Anspruch hohe Qualität zu liefern.

Wie kamen Sie zur Zusammenarbeit mit Rosa von Praunheim und wie hat er ihre Arbeit beeinflusst?

von Heinz: Mittlerweile beeinflussen wir uns vielleicht sogar gegenseitig, wir beraten uns, lesen gegenseitig unsere Drehbücher und schauen unsere Rohschnitte an. Begonnen hat das, als ich vor zehn Jahren Regieassistentin bei seinem Projekt „Dein Herz in meinem Hirn“ über den Kannibalen von Rothenburg war. Danach war ich seine Assistentin an der Filmhochschule. Da hat sich eine enge Freundschaft entwickelt, die bis heute anhält. Mir gefällt vor allem die Intensität seiner Filme und dass das Anliegen vor dem Formalen kommt.

Nun aber zu Ihrem aktuellen Projekt „Hannas Reise“. Eine Filmkritik zeichnet die Parallele zwischen der „erfolgsverwöhnten Drehbuchautorin und Regisseurin“, also Ihnen, und der Hauptfigur des Films, der karrierefixierten BWL-Studentin Hanna. Gibt es diese Parallelen wirklich?

von Heinz: Niemand kann eine Hauptfigur schreiben, ohne ihr Anteile von sich selbst zu geben. Trotzdem haben wir eine Kunstfigur geschaffen, die sich erst einmal schnell in eine Schublade einordnen lässt und die mit möglichst großem Widerwillen nach Israel reist. Da gibt es keine große Parallele zu mir: Ich bin gerne gereist und habe mich politisch engagiert – da bin ich ziemlich weit weg von meiner Hauptfigur Hanna die zuerst an ihre Karriere denkt.

Wie gestaltet sich Ihre besondere Beziehung zu Israel?

von Heinz: Durch meinen jüdischen Großvater ist meine Mutter immer nach Israel gereist und hatte dort eine großen Freundes- und Bekanntenkreis. So habe ich das Land schon früh kennengelernt und so war es auch mein Anliegen, kein Kriegs- und Krisenland zu zeigen, wie wir es aus unseren Medien gewohnt sind, sondern dem ein realistischeres, differenzierteres Bild entgegenzusetzen.

Dabei fielen just während Ihrer Dreharbeiten im Herbst 2012 wieder einmal Bomben auf Tel Aviv…

von Heinz: Das hat uns vor Augen geführt, was es für eine enorme Anspannung ist, in diesem Land zu leben. In „Hannas Reise“ wird das ja in der Rolle des Itay thematisiert, der das Land – wie so viele andere auch – verlassen will.

Vereinfacht gesagt geht es in Ihrem Film ja darum, wie das Leben einem alle Pläne durcheinander bringt. Ging Ihnen das auch häufig so?

von Heinz: (überlegt lange) Ich habe einmal angefangen, Jura zu studieren, um  Anwältin zu werden. Ich war in der linken Szene aktiv und in der Antifa, wollte Flüchtlinge verteidigen – und bin im Studium kläglich gescheitert. Erst mit Mitte 20 bin ich durch ein Praktikum in die Medien- und Filmlandschaft gekommen und habe gemerkt: Geschichten erzählen, das ist mein Ding. Besonders hart war es, dass ich mich insgesamt acht Mal an der Filmhochschule bewerben musste, ohne es jemals dorthin zu schaffen. Also musste ich eben einen anderen Weg zum Film finden. Ich hatte mich in den Auswahlverfahren einfach viel zu naiv präsentiert – das merke ich heute, wo ich selbst die Studierenden auswähle.

Die Regisseurin Julia von Heinz - sie stellt am 19. März 2014 ab 19.30 Uhr Ihren Film "Hannas Reise" vor (Foto: privat/von Heinz).

Die Regisseurin Julia von Heinz – sie stellt am 19. März 2014 ab 19.30 Uhr Ihren Film „Hannas Reise“ vor (Foto: privat/von Heinz).

„Hannas Welt“ liefert freche Dialoge und geht mit viel Humor mit Themen wie dem Holocaust um. Manch einer wird da den moralischen Zeigefinger heben und fragen: Frau Heinz, darf man das?

von Heinz: Und ob. Einen Betroffenheitsfilm wollte ich gerade nicht machen. Das Ganze wird doch erst richtig interessant, wenn man einmal versucht, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel auf humorvolle Weise darzustellen.

Ihr Film läuft seit sechs Wochen in den deutschen Kinos. Wie wird er vom Publikum angenommen?

von Heinz: Ich wäre wegen des unbequemen Themas nicht erstaunt gewesen, wenn wir bei 20.000 Zuschauern stehen geblieben wären. Mittlerweile aber sind wir bei 75.000, und damit bin ich sehr zufrieden. Wenn sich im Gespräch mit den Zuschauern Kontroversen entwickeln, dann darüber, dass der Nahostkonflikt nicht genug thematisiert wird – doch das war eine bewusste Entscheidung. Für mich wäre es falsch gewesen, dieses Fass in „Hannas Reise“ auch noch zu öffnen. Das muss ich als deutsche Betrachterin von außen nun wirklich nicht tun, das sollen Israelis und Palästinenser selbst machen.

ZUR REGISSEURIN

Julia von Heinz, geboren 1976 in Berlin, ließ sich zunächst beim Westdeutschen Rundfunk zur Mediengestalterin ausbilden. Bereits während ihres Studiums in Berlin drehte sie mehrere preisgekrönte Kurzfilme, beendete die Zeit an der Hochschule als Diplom-Kamerafrau und arbeitete danach als für Rosa von Praunheim an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Für ihren ersten Langfilm „Was am Ende zählt“ erhielt sie 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Jugendfilm, die folgende Dokumentation „Standesgemäß“ über adelige Singlefrauen wurde 2009 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Der Kinderfilm Hanni und Nanni 2 war einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 2012 und erhielt drei Goldene Spatzen. In diesem Jahr drehte sie unter anderem zusammen mit den Regisseuren Tom Tykwer und Chris Kraus den Dokumentarfilm Rosakinder über ihren gemeinsamen Mentor Rosa von Praunheim. Und als wäre das alles noch nicht genug, promovierte die dreifache Mutter ebenfalls 2012 mit einer Arbeit über den Einfluss des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf den deutschen Kinofilm.

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