Im Gespräch mit: Schauspielerin Ursula Werner (für die PNP)

Von der Schauspielerinnenrente ist Ursula Werner noch weit entfernt. Gerade gastiert die 70-Jährige in den Münchner Kammerspielen, probt am Landestheater Halle/Saale, ist in drei Kinoproduktionen auf der Leinwand zu sehen, ihre Autobiographie soll bald erscheinen. Dennoch hat sie Zeit, den Film „Schwestern“ gemeinsam mit Regisseurin Anne Wild am 28. Januar in der Filmgalerie Bad Füssing vorzustellen. Aus Anlass dieses Besuchers durfte ich die Schauspielerin für die Passauer Neue Presse interviewen – ein Gespräch über den Oscar, die Rente, den Glauben an Gott und sich selbst.

Eine Szene aus "Schwestern": die Schauspieler Jesper Christensen und Ursula Werner haben ihren Spaß (Foto: Dreamtool Entertainment, Wolfgang Ennenbach).

Eine Szene aus „Schwestern“: die Schauspieler Jesper Christensen und Ursula Werner haben ihren Spaß
(Foto: Dreamtool Entertainment, Wolfgang Ennenbach).

Liebe Frau Werner, ich gebe zu, ich bin ein wenig aufgeregt. Denn die Ehre, mit einer Fast-Oscar-Nominierten ein Interview zu führen, hatte ich noch nie.

Werner: (lacht) Na, nun spielen Sie das nicht so hoch! Ich kann es verstehen, wenn die Medien etwas Sensationelles über mich sagen wollen. Ein Oscar für „Zwei Leben“ – das hätte sich toll und wertvoll angehört, aber das bin ich auch ohne Auszeichnungen. „Zwei Leben“ ist wirklich ein großartiger Film, aber die Ehre gebührt dem Team und vor allem Hauptdarstellerin Juliane Köhler. Ich habe nur eine kleine Rolle gespielt.

Zur Zeit sind Sie in drei Kinofilmen zu sehen: Sputnik, Zwei Leben und Schwestern. Seit 2009 haben Sie für die Produktionen, an denen Sie beteiligt waren, acht Filmpreise erhalten. Hätten Sie das vor zehn Jahren gedacht?

Werner: Ich hätte mir die Frage gar nicht gestellt. Wichtig ist, was wir produzieren – danach wähle ich meine Rollen auch aus – und nicht, wie viele Preise dabei herauskommen. Aber natürlich freue ich mich, wenn meine Leistung bestätigt wird, und nicht einfach die Tatsache, dass ich in meinem Alter noch gefragt bin. Es ist doch schön, dass gerade die jungen Leute nicht nur meine alten DEFA-Produktionen aus der DDR kennenlernen, sondern auch das, was ich heute mache.

Heute machen Sie erstaunlich viel. In Halle/Saale feiern Sie Ende Februar mit dem Stück „Wir werden alle unsere Mütter“ Premiere, der Verlag Neues Berlin kündigt ihre Autobiographie „Es geht immer weiter“ fürs Frühjahr an.

Werner: Stimmt, der Terminplan ist sehr, sehr eng, gerade für das Buch. Das war eigentlich schon für 2012 geplant, von einem Autoren geschrieben. Nun soll und möchte ich selbst einige persönliche Ereignisse ergänzen – das macht die Fertigstellung schwierig.

Gibt es für Schauspieler eigentlich keine Rente? Welche Ziele haben Sie?

Werner: Ich habe die Ziele, die man mir anbietet, und das ist eine große Freiheit. Offiziell bin ich seit ein paar Jahren Rentnerin, der Vertrag am Maxim-Gorki-Theater ist erloschen, doch unter Intendant Armin Petras war ich regelmäßig für bestimmte Produktionen weiter engagiert, dasselbe gilt seit gut zwei Jahren für die Münchner Kammerspiele. Es ist also so viel zu tun, dass ich ständig in Arbeit stecke, aber nicht mehr so sklavisch wie während eines festen Engagements.

„Sich heutzutage für immer und ewig auf eine Sache festlegen, das ist doch Wahnsinn.“ Können Sie den Jungschauspielern, die Sie unterrichten, noch guten Gewissens zu diesem Beruf raten?

Werner: Auch wenn ich mir die jungen Kollegen anschaue, die fast für jede Spielzeit das Theater wechseln müssen, schlecht bezahlt sind, fast schon ausgebeutet werden – wozu soll ich ihnen denn sonst raten, als den Beruf zu ergreifen, der ihnen Freude macht? Heute garantiert mir doch kein Beruf mehr die Sicherheit, dauerhaft an einem Ort mit guter Bezahlung zu leben. Jeder Schauspieler kann für die Sicherheit der festen Anstellung dankbar sein.

Eine Filmszene aus "Schwestern": Usch (Ursula Werner) und ihre Enkelin Marie spazieren über eine Wiese (Foto: Dreamtool Entertainment, Wolfgang Ennenbach).

Eine Filmszene aus „Schwestern“: Usch (Ursula Werner) und ihre Enkelin Marie spazieren über eine Wiese (Foto: Dreamtool Entertainment, Wolfgang Ennenbach).

Mit der vorherigen Frage sind wir mitten im Thema des Films, den Sie gemeinsam mit Regisseurin Anne Wild in Bad Füssing vorstellen: Schwestern. „Glaubst Du eigentlich an was?“, ist eine der vielen Fragen des Films. Woran glauben Sie, vor allem vor dem Hintergrund, dass Sie in der areligiösen DDR groß geworden sind?

Werner: Natürlich bin ich durch die sozialistische Schule gegangen und zum Materialismus erzogen worden. An den Menschen zu glauben nach dem Motto „Was Du nicht willst, was man Dir tu…“ – das ist für mich schon Wagnis genug. In der DDR war die Religion dennoch in den Köpfen. Ich hatte zu Anfang sogar noch Religionsunterricht in der Schule und habe die Bibel dort kennengelernt. Meinen Kindern ging das nicht mehr so, daher habe ich mich auch in einem Brief an das Kultusministerium über diese Ignoranz vor der Geschichte beschwert. Tatsächlich gab es später dann das Unterrichtsfach der Ethik, das ja bis heute existiert.

„Die katholische Kirche ist doch wirklich das Letzte. Das regt mich so was von auf“ – das sagen Sie in Ihrer Filmrolle. Können Sie sich tatsächlich über die katholische Kirche aufregen?

Werner: Sie bietet einem ja viele Möglichkeiten dazu, gerade die aktuelle Diskussion über Sein und Schein, Askese und dem Dienen vor Gott. Am Ende geht es doch immer darum, wer welchen Rang in der weltlichen Hierarchie einnimmt, und da will jeder doch den Stein, der am meisten funkelt. Von daher halte ich den Ansatz des neuen Papstes für sehr vernünftig und hoffe, dass er damit weit kommt.

Nun haben wir viel über Religion gesprochen, aber ist „Schwestern“ überhaupt ein religiöser Film?

Werner: Nein, ist er nicht, Es geht ja nicht um die Entwicklung der Novizin und ihr Leben im Kloster. Sondern es geht um die Fragen: Was macht Ihr aus Eurem Leben? Warum haltet Ihr Eure Illusionen aufrecht? Das Spannende ist aber der Fakt, dass eine Person ins Kloster gehen muss, damit diese Fragen überhaupt gestellt werden.

SCHWESTERN_A4_300_JPGZU FILM UND SCHAUSPIELERIN

„Schwestern“ ist eine Familiengeschichte, bei der nur augenscheinlich wenig passiert: in der Abgeschiedenheit eines Klosters kommt Familie Kerkhoff nach Jahren wieder zusammen, denn die jüngste Tochter Kati will einem Orden beitreten. Nun treffen die verschiedensten Lebensentwürfe aufeinander. „Ein kleines philosophisches Kleinod, das in einem Sommertag all das spiegelt, auf das es wirklich ankommt“, so urteilte der Deutschlandfunk. Tatsächlich lebt der Film von seiner klugen Regie und den tollen Leistungen der Schauspieler – und er lebt eben auch von Ursula Werner. Werner, geboren 1943, studierte Schauspiel an der heutigen Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Von 1974 bis 2009 war sie festes Ensemblemitglied des Maxim-Gorki-Theaters Berlin. Großen Erfolg feierte sie mit „Wolke 9″, der unter anderem in Cannes ausgezeichnet wurde. Ursula Werner erhielt für ihre schauspielerische Leistung in diesem Film den Bayerischen und den Deutschen Filmpreis.

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