Mein Album des Monats (September 2013): Travis – Where you stand

travis-where-you-standSo viele alte Bekannte verschönern mir mit toller Musik den Spätsommer! Es gibt hörenswerte und mitreißende neue Alben von Buddy Guy, den Pet Shop Boys, Franz Ferdinand. Doch den Titel „Album des Monats September 2013“ kann es nur für die einen geben: Travis mit Where you stand.

Ist es wirklich schon 16 Jahre her seit ihrem Debütalbum Good Feeling? War es wirklich schon 1999, als sie mit Why does it always rain on me den Sound aller Jugendlichen prägten, die harmonische Musik liebten, sich aber nicht von der Gesellschaft ausgestoßen fühlten? Ist es wirklich schon zwölf Jahre her, dass ich sie in Stuttgart live gesehen habe? Und: sind seit dem letzten Album wirklich schon fünf Jahre vergangen? Sie waren lange weg, aber weil ihre Melodien unvergänglich sind (und Fran Healy 2011 mit Wreckorder ein wunderschönes Soloalbum vorgelegt hat), scheint es, als wären Travis nie weg gewesen.

Wie immer: zumutungsfrei

travis-where-you-standSo viel vorneweg: Travis klingen, wie sie schon immer geklungen haben. Doch haben Sänger Francis Healy, Gitarrist Andy Dunlop, Bassist Dougie Payne, Schlagzeuger Neil Primrose bei ihrem Debüt – und auch noch auf den beiden Topseller-Alben The Man Who und The Invisible Band – auch mal etwas schräger geklungen, so hat sich das heute erledigt. Die Melodien auf Where you stand fließen nur so dahin (aber nie davon), die Texte haben Hand, Herz und Fuß, die Arrangements sind teils herrlich reduziert, quellen aber auch fast über, wenn es nötig ist. „Zumutungsfreie Musik“ hat das ein Kritiker genannt – und die kann so schön sein!

Der Eröffnungstrack Mother beginnt mit ziemlich orientierungslosem Geklimper, das sich aber zu einem schönen Stakkato entwickelt. Und wenn Fran Healy nach gut zwei Minuten fragt: „Why did we wait so long?“, dann möchte man bereits zurücksingen: „Tell me why?“ Weiter geht’s mit Moving, das sich zu einer neuen Travis-Hymne entwickelt könnte, und das Ihr hier als Video ansehen könnt.

Dann jagt ein unbeschreiblicher Ohrwurm den nächsten: Reminder – gemacht zum Mitpfeifen und Summen – treiben die gezupfte Akustikgitarre und das reduzierte Schlagwerk voran. Warning sign und Different room bestimmen wieder diese hymnischen Refrains, in deren Klangteppich sich der Zuhörer bedenkenlos fallen lassen kann. Und dann ist da noch diese wunderschöne Liebeserklärung im Titelsong, die im Video gar nicht danach aussieht:

Erwähnenswert sind noch zwei ungewöhnliche langsame Stücke gegen Ende des Albums: Bei New Shoes kommt fast so etwas wie ein Groove auf – locker, flockig und so unverschämt gebremst, dass es fast an Triphop erinnert. Und dann noch Boxes, in dem wie selbstverständlich (in ein seichtes Gewand aus gezupften Gitarrensaiten, sanftem Schlagzeug und elektronischen Beats gehüllt) erklärt wird, dass wir als Kind mit einer Pappschachtel spielen, später in einer Betonschachtel wohnen und zuletzt in einem Holzkasten enden.

Travis und ich sind gemeinsam älter geworden. Und mehr denn je scheinen wir in der Musik harmonische Klänge zu suchen und zu finden. Deshalb passen wir so gut zusammen. Where you stand ist die (fast) perfekte Popplatte – Kompliment und vielen Dank dafür!

Wer’s noch genauer wissen will, der schaut in die Albumkritik der SZ, von Musikexpress und von laut.de oder zu guter Letzt bei Consequence of Sound.

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