Im Gespräch mit: Rosalie Thomass und Aron Lehmann (PNP vom 6.8.2013)

Was tun, wenn die Produzenten aussteigen, die Förderung platzt und alles Geld verbraucht ist? Am besten die Fantasie spielen lassen. Aron Lehmann zeigt in „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ einen Regisseur mit Visionen und eine Filmcrew am Rande des Nervenzusammenbruchs. Über Motivation trotz Geldknappheit und Verwirrung als Konzept haben Regisseur Aron Lehmann und Schauspielerin Rosalie Thomass mit mir gesprochen. Beide stellen „Kohlhaas“ am Montag, 12. August, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing vor.

Rosalie Thomass in ihrer Rolle als Lisbeth in "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel" (Foto: missingFilms).

Rosalie Thomass in ihrer Rolle als Lisbeth in „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (Foto: missingFilms).

Liebe Frau Thomass, lieber Herr Lehmann, vielen Dank, dass wir dieses Doppelinterview mit Ihnen führen können – schließlich sind Sie beide zur Zeit schwer beschäftigt. Doch womit eigentlich?

Aron Lehmann: Im Moment hat das meiste, was ich tue, mit dem Kinostart von „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zu tun: Interviews, Kinobesuche oder die Betreuung der Facebook-Seite des Films. Das ist einerseits jede Menge Arbeit, andererseits kann ich noch immer viel gestalten.

Rosalie Thomass: Ich habe gerade einen Fernsehfilm für den WDR abgedreht und nun werden die nächsten Projekte vorbereitet – zum Beispiel die Fortsetzung von „Eine ganz heiße Nummer“. Wir sind da auf einem guten Weg, aber es muss eben alles passen: vom Drehbuch bis zur Tatsache, dass alle Schauspieler wieder verfügbar sein müssen.

Die Produzenten sind ausgestiegen, die Förderung ist geplatzt, das Restgeld ist weg. Würden Sie unter solchen Voraussetzungen einen Film drehen?

Thomass: Dass so viel daneben geht, ist zum Glück sehr unwahrscheinlich. Im Normalfall weiß ich, worauf ich mich einlasse: bei einem Studentenfilm arbeite ich meist ohne Bezahlung und am Set geht es manchmal etwas chaotisch zu. Aber wenn ich mein Herz an ein Projekt verloren habe, ziehe ich es auch durch. Aron hat uns auch mit seinem Drehbuch überzeugt und in uns die Lust geweckt, mit Improvisation und Fantasie alles möglich zu machen.

Lehmann: Meinen nächsten Film werde ich aber garantiert nicht noch einmal so drehen, schließlich ist das Filmemachen mein Beruf und nicht nur ein Hobby. An der Hochschule ist man noch dankbar, einfach einen Film machen zu können und hat ein schlechtes Gewissen, dafür Geld zu verlangen. Das ändert sich aber mit dem ersten Langfilm – da möchte ich meine Leute auch für Ihre Arbeit entlohnen.

Regisseur Aron Lehmann bei der Verleihung des Ludwigshafener Filmkunstpreises für "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel" (Foto: Susanne Schiltz)

Regisseur Aron Lehmann bei der Verleihung des Ludwigshafener Filmkunstpreises für „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (Foto: Susanne Schiltz)

Was haben Sie denn getan, damit es Ihrem Projekt nicht so ging wie der Filmvorlage?

Lehmann: Für den Dreh hatten wir zumindest 100.000 Euro zur Verfügung – das ging komplett für den Fuhrpark, den Sprit, die Verpflegung drauf. Gearbeitet haben alle umsonst,„Kohlhaas“ ist also tatsächlich ein Projekt der Leidenschaft und Begeisterung. Mittlerweile ist mein Tipp für alle, die kaum Geld für einen Film zur Verfügung haben: dreht in Eurem Heimatdorf! Nirgends gibt es bessere Unterstützung, Bekannte wirken als Komparsen mit, die Bäckerei spendet Lebensmittel und die Eltern übernehmen das Catering.

Wenn das Filmprojekt „Kohlhaas“ tatsächlich ständig am Rande des Zusammenbruchs stand, stellt sich gerade an die Darstellerin die Frage: Warum machen Sie da noch mit?

Thomass: Von Anfang an habe ich gemerkt, dass es um das Verwirklichen von Träumen geht. Außerdem habe ich selten ein so intelligentes, vielschichtiges und charmantes Drehbuch gelesen; ein Drehbuch, bei dem ich niemals wusste, wie es nun weitergeht und bei dem ich mich oft gefragt habe: Wo nimmt der all seine Ideen her? Dazu kamen die tollen Kollegen und die Tatsache, dass ich eine dreifache Rolle spielen durfte: die Frau des Kohlhaas, die Muse des Regisseurs und die Schauspielerin.

Warum haben Sie gerade Kleists Kohlhaas als Vorlage für den Film im Film ausgewählt?

Lehmann: Als die Finanzkrise vor ein paar Jahren auch in meiner Filmhochschule ankam, wurde das Geld knapp und die Toleranz für lange Finanzierungsphasen für Abschlussfilme war zu Ende. Ich hatte plötzlich nur noch ein Jahr Zeit, um ein Drehbuch abzuschließen und die nötige Finanzierung auf die Beine zu stellen. Das sollte dann der Stoff für den Filmwerden, mit einer zusätzlichen Ebene irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Das hat mir einerseits beim Schreiben des Drehbuchs unglaubliche Freiheiten gegeben. Andererseits war mir klar: Wenn es kein reiner Klamauk werden soll, dann brauche ich einen starken Stoff, der „verfilmt“ werden soll. So bin ich nach der Lektüre vieler Historiendramen beim Kohlhaas gelandet und wusste nach der ersten Seite: „Das ist es! Der tickt ja genau wie der Regisseur in meinem Drehbuch.“

Wer ihr Marketing über das Internet verfolgt, wird völlig verwirrt. Man sieht making-of-Videos und versteht nicht, ob man nun Filmsequenzen, tatsächliche oder gespielte Dreharbeiten sieht, ob die Zuschauer, die Schauspieler oder die Filmenden aufs Korn genommen werden – wenn beispielsweise die Komparsen Autos jagen oder ein Ochse eine Liebesszene stört. Wenn Verwirrung das Konzept von Kohlhaas ist, weiß man dann selbst irgendwann nicht mehr, wo einem der Kopf steht?

Thomass: Zum Glück wusste ich das immer. Die Frauenrolle trägt in diesem Fall nicht den Film. Robert Gwisdek als Regisseur und Jan Messutat als Kohlhaas hatten da sicher mehr auszuhalten. Mir ging es während der Produktion durch und durch gut.

Lehmann: Als Verantwortlicher wäre es wirklich sehr schlecht gewesen, den Kopf zu verlieren (lacht). Die von Ihnen angesprochenen Szenen sind tatsächlich so beim Drehentstanden, kommen aber im Film nicht vor und waren zu schön, um sie verschwinden zu lassen. Wir zeigen darin die widrigen Arbeitsverhältnisse der kohlhaasschen Dreharbeiten, um die neugierig auf den fertigen Film zu machen.

Wie beurteilen Sie im Nachhinein Ihre Zusammenarbeit?

Lehmann: Fähige und intelligente Schauspieler am Set zu haben ist eines der größten Geschenke für einen Regisseur. Es war eine Wonne, ihnen allen bei der Arbeit zuzuschauen – und besonders Rosalie Thomass.

Thomass: Bewundernswert an Aron Lehmann ist seine große Energie und sein enormes Selbstbewusstsein. Er weiß genau, was er will und kann mit seiner Vision ein ganzes Team führen. Mir gefällt sehr, wenn ein Regisseur genaue Vorstellungen hat und klare Ansagen macht. Gerade in der Zusammenarbeit mit etablierten Schauspielern ist das eine große Stärke, denn so vertraut man sich ihm viel lieber an.

Rosalie Thomass und Aron Lehmann stellen „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ am Montag, 12. August,um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing vor. Kartenreservierung unter Telefon 08531/29284.

Zu Film und Gesprächsteilnehmern

Die 25-jährige Rosalie Thomass gehört schon heute zu den beliebtesten deutschen Schauspielerinnen. Bekannt wurde sie mit den Filmen Beste ZeitBeste Gegend und Eine ganz heiße Nummer sowie durch ihr Mitwirken in TV-Produktionen wie Neue Vahr SüdPolizeiruf und Tatort. Aron Lehmann wurde 1981 in Wuppertal geboren und wuchs im Nördlinger Ries auf. Seit 2003 lebt er in Berlin und arbeitete dort zunächst für verschiedene Filmproduktionen. Anschließend absolvierte er sein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. Im Spätsommer 2011 drehte er seinen ersten Langfilm Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel, der nun in die Kinos kommt und bereits die ersten Preise gewonnen hat.

Es geht darin um den Jungregisseur Lehmann, der die Geschichte vom betrogenen Pferdehändler Kohlhaas verfilmen will. Doch als ihm der Geldhahn zugedreht wird, findet sich Lehmann selbst in der Rolle des aussichtslos gegen übermächtige Widerstände kämpfenden Sturkopfes wieder. Fantasie und Leidenschaft ersetzen fortan die große Inszenierung: imaginäre Waffen sausen durch die Luft, Kühe werden zu Pferden, der Baum zum Feind und vier Komparsen zu 5000 Mann. Wer beweisen will, dass der magische Realismus von Kleists Vorlage sich gegen alle Widerstände durchsetzt, muss sich eben Einiges einfallen lassen…

So eine Filmproduktion kann ganz schön aus dem Ruder laufen - ein Ausschnitt aus "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel" (Foto: missingFilms).

So eine Filmproduktion kann ganz schön aus dem Ruder laufen – ein Ausschnitt aus „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (Foto: missingFilms).

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