Im Interview: Regisseur Stephan Lacant – Freier Fall

Stephan_LacantEin Polizist und werdender Vater verliebt sich in einen Kollegen. Das klingt erst einmal nach einem Problemfilm. Freier Fall aber fesselt dank der famos aufspielenden Hauptdarsteller von Anfang bis Ende. Kritiker überschlagen sich vor Lob über Stephan Lacants Kinodebüt. Der Regisseur stand mir (im Auftrag der Passauer Neuen Presse) Rede und Antwort, bevor er am Donnerstag, 18. Juli, ab 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing zu Gast ist.

Lieber Herr Lacant, bisher waren Ihre bekanntesten Projekte Dokumentationen. Warum nun der Wechsel ins Fiktionale?

Stephan Lacant: Ich war schon immer nah am Fiktionalen, habe ja auch Kurzfilme und einen 60-Minüter geschrieben und verfilmt. Mein jetziger Film ist also kein Wechsel. Ich wollte schon immer zum Langfilm, es hat einfach eine Weile gedauert, bis es möglich war.

Die männlichen Hauptrollen in "Freier Fall" spielen Hanno Koffler (links) und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Die männlichen Hauptrollen in „Freier Fall“ spielen Hanno Koffler (links) und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Schwulsein bei der Polizei, Homophobie und Coming-Outs von Familienvätern scheinen noch immer Tabuthemen zu sein. Bei wem haben Sie sich für Freier Fall informiert?

Lacant: Als ich meinen Co-Autor Karsten Dahlem kennengelernt habe, war er zuvor selbst eineinhalb Jahre lang bei der Bereitschaftspolizei. Er erzählte mir von Mobbingfällen an homosexuellen Kollegen, die er während seiner Ausbildung beobachtete. Das war für mich ein erschreckendes und spannendes Thema, und so haben wir beschlossen, dieses Thema gemeinsam in einem Film zu behandeln. Wir haben mit geouteten und nicht geouteten Polizistinnen und Polizisten gesprochen und mit dem Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter zusammengearbeitet. Was die Familienväter betrifft, war es ungleich schwieriger: wir haben viel Recherche im Internet betrieben und sind über Foren in Kontakt mit Personen gekommen, die in derselben Situation waren und sind wie einer unserer Hauptdarsteller: Mann, verheiratet, mit Kindern, verliebt sich in anderen Mann.

Sie hätten Freier Fall als großes Drama inszenieren können. Aber die Stärke Ihres Films ist gerade, dass es nicht ständig knallt, die Personen eher in sich hineinschweigen. Warum gerade dieser Ansatz? Zeigt sich da noch ein wenig der Dokumentarfilmer in Ihnen?

Lacant: Unterbewusst mit Sicherheit. Mir gefallen einfach die Filme, die nah an Ihre Figuren herankommen. Deshalb haben wir auch mit einfachen Handkameras gearbeitet, um die Stimmungen und Regungen der Hauptfiguren nah einfangen konnten. Wir haben natürlich trotzdem eine dramatische Struktur der Geschichte gebraucht – schließlich soll der Film spannend bleiben.

Ist es für Schauspieler schwieriger, vor der Kamera ruhig zu bleiben, anstatt große Gefühlsausbrüche zu spielen?

Lacant: Ich glaube schon. Es ist überhaupt schwierig, den Kern eines Problems aus sich selbst heraus darzustellen. Es sich aber ganz eigen zu machen, ist ein beinahe unmöglicher Prozess, der viel Vorbereitung, Engagement und Arbeit erfordert. Ich habe mit den Darstellern lange an unserem Drehbuch gearbeitet, über die Szenen gesprochen – und eher wenig geprobt. Dadurch haben wir uns erstens sehr gut kennengelernt und zweitens konnten die Schauspieler ein Gefühl dafür entwickeln, ihre Rollen mit ihrem eigenen Leben zu verknüpfen. Das Drehbuch sah nach unseren langen, intensiven Gesprächen anders aus: viele Dialoge waren gestrichen, weil viele Dinge nun über Blicke und Sprachlosigkeit erzählt werden.

Ihre drei Hauptdarsteller wirken sehr überzeugend in ihren Rollen. Ist das nur mit der Chemie zwischen den Dreien zu erklären?

Lacant: Ich hatte wirklich großes Glück, mit tollen Schauspielern arbeiten zu können. Alle drei haben das Buch gut aufgenommen und sind sofort darauf angesprungen. Hanno Koffler und Max Riemelt kannten sich bereits privat sehr gut und hatten auch schon zusammen gedreht. Wir haben dann gemeinsam über Filme diskutiert und darüber, wo wir in etwa schauspielerisch hinwollen – und so kam nach und nach die gleiche Einstellung zum Projekt zustande.

Sie gelten als das aktuell schönste Liebespaar des deutschen Films: Darsteller Hanno Koffler und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Sie gelten als das aktuell schönste Liebespaar des deutschen Films: Darsteller Hanno Koffler und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

War es schwer, gerade die männlichen Hauptdarsteller für Ihre Rollen zu gewinnen?

Lacant: Überhaupt nicht. Doch viele Schauspieler, denen das Drehbuch gut gefiel, haben das Casting abgesagt, weil sie nach Rücksprache mit ihren Agenten Angst hatten, danach auf schwule Rollen abonniert zu sein. Man glaubt ja, dass wir 2013 in Europa in einer unglaublichen Liberalität leben und Homosexualität ein veraltetes Thema ist. Doch je länger die Vorbereitungen für den Dreh andauerten, desto mehr haben wir bemerkt, wie sehr Homophobie noch verbreitet ist – und das nicht nur bei der Polizei oder im Fußball, sondern selbst im Künstlermilieu. Das hat mich erschreckt.

Kritiker feiern Ihren Film schon als deutsche Antwort auf Brokeback Mountain – weil die Schauspieler „echt“ sind, Max Riemelt und Hanno Koffler das aktuell schönste Liebespaar auf der Leinwand seien und Homosexualität im Kino endlich als selbstverständlich betrachtet wird. Haben Sie auf solche Reaktionen hingearbeitet?

Lacant: Überhaupt nicht. Mit einem Debütfilm, wie es Freier Fall ist, geht man mit kleinem Budget hinein und ist froh, wenn man überhaupt ins Kino kommt. Dann waren wir auf der Berlinale Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino und haben große Aufmerksamkeit bekommen. Eine Premiere vor 600 Leuten macht schon nervös! Aber es war uns ja wichtig, dass wir nicht nur ein schwules Publikum ansprechen, und da war die große Premiere ein guter Anfang. Ganz allgemein ist es ja so, dass schwule Genrefilme das Problem haben, Sexualität zwischen Männern vor einem großen Publikum zu zeigen. Die Gratwanderung scheint uns aber gelungen zu sein, so dass der Film trotz expliziter Sexszenen für ein Hetero-Publikum nicht abschreckend wirkt.

Regisseur Stephan Lacant - zu Gast in der Filmgalerie Bad Füssing am 18. Juli. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Regisseur Stephan Lacant – zu Gast in der Filmgalerie Bad Füssing am 18. Juli. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Lob von der Kritik ist das eine, Zuschauerzahlen sind das andere. So sehr es Ihnen zu wünschen wäre, aber wahrscheinlich können Sie nur mit einer entspannten schwulen Alltagsgeschichte im Prenzlauer Berg und Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle richtig viele Zuschauer ins Kino locken…

Lacant: Das kann sein. Aber wir wollten einen ernsthaften Arthouse-Film erzählen – und für die ist es nun mal viel schwieriger, Zuschauer zu bekommen. Immerhin lagen wir zum Kinostart Ende Mai in den Arthouse-Charts hinter The Great Gatsby auf Rang 2 und kratzen noch immer an den Top 10.

Hat es einen besonderen Grund, dass sie diese Geschichte im Kampf mit der alltäglichen Spießigkeit gerade im schwäbischen Ludwigsburg gedreht haben?

Lacant: Das hat sehr nachvollziehbare Gründe: Finanziert wurde das Projekt von der mfg Filmförderung Baden-Württemberg und vom Südwestrundfunk, wir waren also verpflichtet, in Baden-Württemberg zu drehen. In Ludwigsburg sind wir gelandet, weil wir dort in der Pädagogischen Hochschule eine Polizeikaserne simulieren konnten. Drumherum haben wir dann all die anderen Drehs platziert, um die Reise- und Lagerkosten möglichst gering zu halten.

Überzeugt einmal mehr allein durch ihre Anwesenheit: die großartige Katharina Schüttler. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Überzeugt einmal mehr allein durch ihre Anwesenheit: die großartige Katharina Schüttler. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Haben Sie schon eine Rückmeldung, ob Freier Fall in den anscheinend liberaleren Großstädten besser ankommt als zum Beispiel in der niederbayerischen Provinz? Und was erwarten Sie sich vor diesem Hintergrund von dem Abend in Bad Füssing?

Lacant: Es wird Sie kaum überraschen, dass der Film in Berlin, Hamburg, München und Köln wahnsinnig gut läuft. Da aber die meisten Leute noch immer nicht in Großstädten leben, hoffe ich natürlich, dass wir auch dort ein aufgeschlossenes Kinopublikum finden – das gilt natürlich auch für Niederbayern und Bad Füssing. Auf die Diskussion mit dem Publikum dort freue ich mich auf jeden Fall.

Zum Schluss bitte noch ein paar Worte zur wieder einmal umwerfenden Katharina Schüttler.

Lacant: Ganz kurz gesagt: Einfach toll. Und dazu eine kleine Anekdote: Wir hatten für die Frauenrolle ein Casting, in dem wir zwei, drei Kombinationen mit verschiedenen Schauspielern durchgespielt haben. Da stehen dann zwei Stühle vor einer weißen Wand, und damit der Funke in einer solchen Situation überspringt, muss schon viel passieren. Und der Funke sprang mit ihr so was von über – wir saßen nur noch mit offenem Mund da. Den Rest können die Zuschauer dann im Kino sehen.

Herr Lacant, wir danken für das Gespräch und hoffen noch auf viele volle Kinos während Ihrer Kinotour.

freierfall_Filmplakat

Zu Regisseur und Film 

Stephan Lacant studierte zunächst in Bochum und Köln, dann in New York Regie. Nach diversen Kurz- und Dokumentarfilmen ist Freier Fall sein erster Kinofilm, mit dem er bereits für den Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis nominiert ist. Ohne zu werten oder seine Figuren zu verurteilen, erzählt Stephan Lacant in seinem ersten Spielfilm das Drama eines Mannes, der aus seiner überschaubaren Welt fällt.

Sie gelten als das aktuell schönste Liebespaar des deutschen Films: Darsteller Hanno Koffler und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Sie gelten als das aktuell schönste Liebespaar des deutschen Films: Darsteller Hanno Koffler und Max Riemelt. © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

Marcs Leben ist gut eingerichtet: Karriereaussichten bei der Bereitschaftspolizei, Nachwuchs unterwegs, die Doppelhaushälfte von den Eltern vorfinanziert. Doch dann lernt er bei einer Fortbildung den Kollegen Kay kennen. Der bringt ihm beim gemeinsamen Lauftraining ein neues Gefühl von Leichtigkeit bei – und wie es ist, Gefühle für einen Mann zu entwickeln. Hin- und hergerissen zwischen der ihm vertrauten Welt und dem Rausch der neuen Erfahrung gerät ihm sein Leben zusehends außer Kontrolle. Die fulminanten schauspielerischen Leistungen von Hanno Koffler, Max Riemelt und Katharina Schüttler werden schon jetzt von Filmkritikern überaus gelobt und vermitteln auf emotionale Weise, was es heißt, wenn Lebensentwürfe zu Bruch gehen und es keinen Weg mehr gibt, den Menschen, die man liebt, gerecht zu werden.

IM KINO

Stephan Lacant stellt Freier Fall am Donnerstag, 18. Juli, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing vor. Kartenreservierung unter Telefon 08531/29284.

Fotos: © Siegmund Wadsack / Edition Salzgeber

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