Drei Phantasien älterer Herren – meine Frühlingsalben

Mein Soundtrack für den Frühling steht fest, und der wird bestimmt von drei lange erwarteten Alben von Depeche Mode, Nick Cave & The Bad Seeds und David Bowie. Warum mir die Altherrenfantasien so gefallen, könnt Ihr hier lesen.

Depeche Mode – Delta Machine

Kaum eine Veröffentlichung der vergangenen Jahre ist in den Medien so oft und so schnell rezensiert und auseinandergenommen worden wie Delta Machine von Depeche Mode. Warum auch nicht? Schließlich ist die Band seit 30 Jahren eine sichere Bank in Sachen Verkaufszahlen – und mit Sicherheit auch für Klicks bei allen Rezensenten. Im Gegensatz zu den meisten anderen habe ich mir das Album nun einige Wochen angehört und schreibe erst jetzt drei Absätze darüber. Meine Meinung in einem Satz: Der erste Teil mitreißend, die zweite Hälfte etwas beliebig.

Depeche Mode - Delta Machine

Welcome to my world – Streichereinsätze, Beats, Tempowechsel, Chorgesang. Der knapp fünfminütige Album-Opener ist keine Sekunde langweilig und ich muss jedes Mal unterdrücken, gleich auf repeat zu drücken. Angel – zischt, wabert, hämmert. Ich habe bis zu sieben verschiedene Beatspuren übereinander herausgehört, alle in verschiedenen Tempi. Ein unglaublich dichter Song, der versöhnlich ausklingt: „I found the peace I’ve been searching for.“ Ganz allgemein sind die Texte auf Delta Machine hoffnungsfroher als noch auf den letzten Alben, und wie immer geht es tief in die Abgründe der Seele und ganz weit nach oben. Damit wäre ich auch schon beim nächsten Knaller: Heaven – der Erlösungschoral schleppt sich verführerisch langsam dahin, Dave Gahans Stimme scheint immer ein wenig hinterherzuhängen. Fragil, aber auch aufgeräumt, im Reinen, wunderschön.

Secret to the end – hier nimmt das Album ein wenig Tempo auf. Der Beat wird härter, das Stück wirkt teils bedrohlich und fesselnd. My little Universe – je öfter ich dieses Lied höre, desto faszinierender und besser wird es. Beginnt wie der Soundtrack zu einem Commodore-84-Spiel, es ist reduziert, blubbert, zischt, stolpert, dröhnt und ist so überhaupt nicht eingängig. Man kann sich richtig vorstellen, wie die Soundtüftler Martin L. Gore und Andrew Fletcher stundenlang vor ihren analogen Synthesizern (für Spätgeborene: da werden tatsächlich noch durch Umstecken und ähnliche handgesteuerte Tätigkeiten Töne verzerrt, gesampelt, geloopt usw.) stehen und herumstöpseln. Slow – ein Elektroblues, bei dem der Name Programm ist: langsam, intensiv, erotisch, voller Pausen und Synkopen und gebrochenen Beats. Um es mit den Worten von Dave Gahan zu sagen: „That’s how I like it.“

Danach ist es leider vorbei mit der Herrlichkeit. Depeche Mode übergeben sich ein wenig dem elektropopulären Einheitsbrei, in dem lediglich die Nummern Broken und Should be higher etwas mehr Biss haben. Martin Gore darf wieder eine unvermeidliche Weltschmerzballade singen (The Child Inside), die Beats werden flacher, einfacher (uff-da-uff-da oder nzz-nzz-nzz) und ziehen sich von Anfang bis Ende durch die einzelnen Tracks. Wahrscheinlich hat man auch deshalb das vorhersehbare Soothe my Soul mit dem stumpfsten, eintönigsten und lautesten Beat (bumm-bumm-bu-bumm) zur zweiten Single auserkoren, damit es in den Populärwellen des Radios in vollem Glanz erstrahlen möge. Glücklicherweise rettet der Schlusstrack Goodbye den zweiten Teil des Albums: wieder so ein Elektroblues, in dem die E-Gitarre den trabenden Rhythmus bestimmt, immer wieder durchzuckt von elektronischen Blitzen, die sich ganz zum Ende in einem Gewitter entladen.

Nick Cave and The Bad Seeds – Push The Sky Away

Düster und schwurbelig: Push The Sky Away ist ein Album, an das man sich gewöhnen muss. Aber wenn man es ein paar Mal gehört hat, entfaltet es seine ganze Spannung, seine überwältigende Atmosphäre, seine Mystik. Und man muss sich wirklich hinsetzen, -legen oder -stellen und zuhören. 42 Minuten lang. Eine schwierige Übung. Aber dieses Album packt mich – und viele andere hoffentlich auch.

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Die meiste Zeit herrscht auf diesem Album vor allem eines: Kargheit. Nick Cave hat seine Songs verdichtet und reduziert. Wie beschreibt es der Zündfunk auf Bayern2 doch so schön: „Oft reicht eine Gitarrensaite aus, um ein bisschen Ewigkeit anzuzupfen. Zwei Akkorde sind besser als drei und ständig macht sich der Blues in all den dunklen Loops breit. Drei, vier Noten auf dem Rhodes-Piano und ein paar Streicher-Einsätze reichen, für das große Nick Cave-Gefühlskino.“

Meine Lieblingstracks: Water’s Edge – von knochigen Bässen, morschem Husten, zirpenden und schwirrenden Klängen schreibt der Kritiker der FAZ. Und Caves Stimme klingt dazu, als würde er eine Horrorgeschichte erzählen. Mermaids – ein sphärisches Stück und gleichzeitig das einzige mit einem eingängigen Refrain. Fast zum Mitsingen geeignet, wenn es nicht so unfassbar traurig und sehnsüchtig wäre. Jubilee Street und Higgs Boson Blues – die zwei dynamischsten, fiebrigsten Stücke, in denen sich Soundbausteine aufbauen und wieder zusammenfallen und sich die ganze Spannung der Songs am Ende im Gitarrendonner entlädt. Und dann natürlich der Abschluss- und Titelsong Push The Sky Away – der bildet mit dem Opener We No Who U R die Klammer des ganzen Albums und lässt die Orgel wie aus der Unterwelt ans Ohr klingen.

David Bowie – The Next Day

The Next Day ist das 24. Studioalbum von David Bowie, sein erstes seit zehn Jahren und das erste, das in Deutschland den ersten Platz der Albumcharts erreicht hat. Und es ist wieder so eines, über das jeder Feuilletonist dieser Erde seine Meinung gesagt und geschrieben hat. Daher halte ich mich an dieser Stelle zurück, verweise auf die bereits erstellte Wikipedia-Seite zum Album, wo die einzelnen Lieder beschrieben werden. Außerdem wage ich es, trotz Leistungsschutzrecht eine längere Strecke von ZEIT online zu zitieren (nicht ohne hier den Link zum kompletten Artikel „Der aus dem Weltraum fiel“ zu setzen), die zurecht befinden: Alles, schon einmal dagewesen. „Der Bowie des Jahres 2013 ist ein Best-of-Bowie, der einfach noch einmal hervorkramt, was man an ihm kennt und liebt: die hysterisch aufkreischenden Gitarren, die singenden Saxofone, das opernhafte Tremolo seiner Stimme. Es wirkt, als sei er in eine Zeitmaschine geraten und immer dort ausgestiegen, wo er Eindruck hinterlassen hat (…).“ Und genau das macht dieses Album zu einem perfekten Einstieg für alle, die zu jung sind, um mit Bowie aufgewachsen zu sein.

Das Video zu The Stars (are out tonight) gibt es bei Vimeo zu sehen: http://vimeo.com/60745064

David Bowie - The Next Day

Noch einmal: mein musikalischer Dreierpack fürs Frühjahr 2013.

  • Depeche Mode – Delta Machine: leider nur im ersten Teil wirklich mitreißend, danach etwas beliebig. Für Fans wie mich trotzdem unverzichtbar.
  • Nick Cave and the Bad Seeds – Push the Sky away: wer sich die Zeit nehmen will und kann, sich eine Dreiviertelstunde lang dem Blues hinzugeben, wird keine Sekunde enttäuscht.
  • David Bowie – The next day: das Alterswerk eines großen Meisters, der sich pausenlos Anleihen bei sich selbst nehmen kann, ohne langweilig zu wirken. Unbedingt reinhören!
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2 Kommentare zu “Drei Phantasien älterer Herren – meine Frühlingsalben

  1. Ich geb dir recht: Bowie hat mich sehr gefreut und begleitet mich zusammen mit seinen Alben durch den Frühling. Zum einzigen Deutschlandkonzert fahre ich aber leider nicht. Nick ist ein Guter, aber höre ich zur Zeit nicht und DP mag ich einfach nicht – sorry.

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