Vaterfreuden (IV): Der Spießrutenlauf

Mir kommt es so vor, als würde in Passau zur Zeit so viel gebaut wie sonst nur in Peking oder Berlin. Wäre ja alles nicht so schlimm, wenn da nicht ein aufmerksames Baby wäre, das nichts verpassen will – und weder zu Hause noch im Kinderwagen daran denkt, einmal länger zu schlafen.

Babys sind ja so aufmerksam. Nur nichts verpassen. Bei jedem noch so leisen Geräusch wird der Kopf gedreht. Das ist einerseits spannend, andererseits leidet der Schlaf darunter. Knallt unsere Nachbarin die Tür zum gemeinsamen Vorraum zu, ist das Nickerchen unserer Kleinen oft vorzeitig beendet. Schleiche ich mich auch noch so leise in ihr Schlafzimmer, wird sie wach.

Zu allem Überfluss wird auf unserem Nachbargrundstück gerade ein Haus in den Hang gebaut. Der Bagger ist damit beschäftigt, unter lautem Dröhnen, Kratzen, Kreischen, Knallen und Wummen Tonnen von Erde abzutragen und mit einem lauten Rumms in die aufgereihten Lader zu werfen – 30 bis 50 Meter Luftlinie vom Bett eines aufmerksamen Babys entfernt.

Es dröhnt, wummert, knallt und rummst

Also nichts wie raus. Doch was tun, wenn der Stadtteil Haidenhof-Süd zur Zeit mit Sicherheit der mit den meisten Baustellen in Deutschland pro Einwohner ist? Nur 100 Meter unsere Straße aufwärts werden gerade zwei Häuser entkernt und grundsaniert. Kran, Kreissäge und Betonmischer sind im Einsatz, die Straße verengt, Lkws kommen einem entgegen, und das Baby im Kinderwagen schaut aufmerksam hinaus.

Baustelle1

Neben unserem Haus, in unserer Straße, noch eine Straße weiter, einfach überall: Baustellen. Aaaaah!

Die Straße hinab wird seit einem Jahr das Krankenhaus erweitert, die Psychiatrische Klinik erhält einen komplett neuen Bau. Biege ich rechtzeitig ab, dann wird garantiert an der Krankenhaus-Rückseite wieder gewerkelt, geflext und geräumt. Keine 100 Meter weiter, auf dem Weg zum ruhig fließenden Inn, wird gegenüber der Universität „Campus Living“ hochgezogen – da werden zur Zeit besonders gerne Platten mit der Kreissäge bearbeitet. Auf dem Campus der Universität, der regelmäßig zum schönsten Deutschlands gekürt wird und das letzte „Hindernis“ zur Ruhe ist, werden die Außenanlagen um das neue Medienzentrum und am Informatik-Gebäude fertig gestellt. Also auch hier, wie überall: Sägen, Klopfen, Hämmern, Laster, Bagger, Lärm.

Endlich am Inn angekommen, dröhnen von der anderen Uferseite die Bauarbeiten an der Bahnstrecke. Niederbayerische Rentnerinnen brüllen sich beim Spazierengehen an, Hunde bellen direkt vor dem Kinderwagen, irgendwo hupt ein Auto, Jogger ächzen und trampeln, Fahrradbremsen quietschen, ich traue mich kaum zu atmen, dann klingelt auch noch mein Handy, die Kleine immer noch wach, aaaah…

Und sie schläft doch

Vor ein paar Tagen hat sie einfach geschlafen. Trotz aller Baustellen, Lastern, Sägen. Ich habe völlig entspannt den Bauarbeiten zugesehen, den Kinderwagen vorsichtig die Treppen zu unserem Haus nach oben gehievt und die Kleine im Treppenhaus noch eine Weile schlummern lassen. Vielleicht sollte man sich um die Schlafgewohnheiten seines Kindes nicht zu viele Gedanken machen. Sie holen sich doch sowieso immer das, was sie brauchen.

Mehr Vaterfreuden

baustelle2

Baustellen und Lärm – ist doch alles nicht so schlimm…

Advertisements

Ein Kommentar zu “Vaterfreuden (IV): Der Spießrutenlauf

  1. Pingback: Vaterfreuden (V): Babymode | Gesammelte Werke: sebhaas bloggt

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.