Vaterfreuden (III): Am Abgrund

Spätestens ab dem Alter von etwa acht Monaten werden Babys richtig beweglich. Sie kugeln sich über den Teppich, robben (zunächst vor allem rückwärts, was zu erheblicher Frustration führt, wenn sie eigentlich nur an den Schnuller zehn Zentimeter vor ihnen heran wollen) durchs Zimmer und strecken sich nach allem, was sie in die kleinen Finger bekommen können. Da heißt es für die Eltern, die Augen offen zu halten und bereit zu stehen – besonders, wenn sich die Kleinen irgendwo erhöht aufhalten.

Das kommt schon einmal vor: zum Füttern in der Wippe auf dem Küchentisch, beim gemeinsamen Spielen auf dem elterlichen Bett, und vor allem auf der Wickelkommode. Die Wickelkommode – ach, wie war sie einmal praktisch. Das Baby immer auf Bauchhöhe beim Waschen, Wickeln und Anziehen. Kein lästiges Bücken oder In-die-Knie-gehen, kein Ziehen im Rücken. Und jetzt? Schiebt sich ein kleines Wesen hin und her und her und hin, robbt auf dem Wickeltisch umher, streckt sich nach links und nach rechts und räumt den Korb mit den Baby-Hygieneartikeln leer.

Nervenkitzel – wohl eher für die Eltern

Ein interessierter Blick weit nach unten. Dieses Baby hat garantiert keine Höhenangst (Foto: Haas).

Ein interessierter Blick weit nach unten. Dieses Baby hat garantiert keine Höhenangst (Foto: Haas).

Und: es geht an den Abgrund. Den mag unsere Kleine besonders gern. Also schiebt sie sich so nah es geht an den Rand der Kommode und schaut interessiert und wenig respektvoll nach unten. Manche Babys schauen anscheinend gerne in Töpfe, Schubladen und Schüsseln, um das räumliche Sehen zu fördern. Unsere liebt den Nervenkitzel und baumelt am liebsten mit dem Oberkörper in der Luft, streckt die Arme nach unten, wirft Schnuller, Rassel oder Plastikbecher auf den Boden und will am liebsten hinterher – einen Meter nach unten.

Bei mir sorgt das für gemischte Gefühle. Dass meine Tochter – im Gegensatz zu mir – mit Höhenangst nichts am Hut zu haben scheint, nötigt mir größten Respekt ab. Dass sie sich ohne mit der Wimper zu zucken und lemminggleich nach unten stürzen würde, könnte nachdenklich machen – wenn ich nicht unaufhörlich damit beschäftigt wäre, sie festzuhalten, zurückzuziehen und die Dinge wieder vom Boden aufzuheben, die sie nach unten befördert hat. Einmal war ich bisher nicht aufmerksam genug und habe mich von ihrem Ablenkungsmanöver überlisten lassen. Und schwupp, da rutschte die Kleine schon ein wenig hinab. Papa war natürlich rechtzeitig da und hat sie festgehalten. Doch das kurze Plärren danach war ein eindeutiges Zeichen: Abstürzen, das muss nun doch nicht sein. Irgendwie beruhigend.

Aber nun wendet man sich langsam Stromkabeln und Steckdosen zu…

 

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Ein Kommentar zu “Vaterfreuden (III): Am Abgrund

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