Aus meinem Archiv: Bestrafung nach 15 Jahren

Diese unglaubliche Geschichte durfte ich in der Deggendorfer Zeitung veröffentlichen – am  8. März 2006, ziemlich am Beginn meines studienbegleitenden Volontariats bei der Passauer Neuen Presse: Ein kleines sächsisches Hutzelmännchen steht vor Gericht, weil er 15 Jahre zuvor versucht hat, eine Bank zu überfallen. Warum er so dilettantisch scheiterte und warum es bis zum Prozess so lange dauerte? Lest selbst…

Deggendorf. Im März 1991 hat ein damals 28-Jähriger vergeblich versucht, die Raiffeisenbank in Patersdorf (Landkreis Regen) zu überfallen. Gestern wurde er dafür am Landgericht Deggendorf zu zweit Jahren und neun Monaten Freiheitsentzug verurteilt.

Mit einer Schreckschusspistole bewaffnet, einer Strumpfmaske über dem Kopf und mit einem Pappkarton, den er als „Bombe“ ausgab, hatte der Angeklagte die Bank betreten und Geld gefordert. Weil der Kassierer nichts herausgeben wollte, zog der junge Mann ab – ohne mit seiner Pistole gefeuert zu haben oder die vermeintliche Bombe zu zünden. Schon kurz darauf wurde er (Anm.: nach einer wilden Verfolgungsjagd und einem Schuss in seinen Reifen) von der Polizei gestellt und festgenommen.

Zur Gerichtsverhandlung kam es jedoch erst in diesem Jahr. Der Strafvollzug gegen den gelernten Maler, der 1991 noch in Plattling wohnte, wurde für kurze Zeit ausgesetzt. Das nutzte der Angeklagte, um sich in einer abenteuerlich anmutenden Odyssee abzusetzen; erst mit dem Flugzeug nach Marokko, dann mit dem Bus und per Anhalter über Spanien, Südfrankreich, Turin und Rom bis nach Sizilien. Dort baute er sich nach seiner Ankunft um Weihnachten 1992 eine eigene Existenz auf, verdingte sich als Landvermesser oder Gartenarbeiter. „Selbst den Stuhl des Erzbischofs habe ich repariert, Arbeitspapiere und einen italienischen Personalausweis bekommen“, erzählte er (Anm.: meist unter Tränen und in einem schlimmen sächsischen Dialekt, so dass ihn der im tiefsten niederbayerisch brabbelnde Richter immer wieder auffordern musste, doch bitte deutlich zu sprechen).

Das Leben des Angeklagten änderte sich wieder schlagartig im Jahr 2004, als er nach einer Ausweiskontrolle festgenommen wurde – mittlerweile war er im Register für Straftäter aufgetaucht. Nach knapp zwei Jahren Auslieferungshaft in Italien folge die Überführung nach Deutschland, wo er sich seit Beginn des Jahres im Gefängnis aufhält.

Der Prozess gegen den heute 43-Jährigen verlief dagegen unspektakulär (Anm.: wenn auch nicht ohne Komik): Der Angeklagte war geständig, bedauerte seine Tat zutiefst und bracht während der Verhandlung regelmäßig in Tränen aus. „Ein Banküberfall passt nicht zu meinem Mandanten, das lässt auch die dilettantische Durchführung erkennen“, betonte der Verteidiger. Tatsächlich konnte sich auch der Vorsitzende Richter Dr. Anton Nachreiner ein Lächeln nicht verkneifen, als der Angeklagte erklärte, wie er einen Papierkarton, Kartoffeln und einen grünen Knopf als Bombe kenntlich machen wollte. Auch der betroffene Kassierer konnte sich noch 15 Jahre nach dem Überfall noch an die Nervosität des Angeklagten erinnern.

Das Urteil traf Angeklagten und Verteidigung hart, hatten sie doch versucht, die Tat als „minderschweren Fall“ in einer besonders verzweifelten Situation durchgehen zu lassen. „Wer bewaffnet und maskiert eine Bank betritt, bewegt sich über der Grenze zur schweren Kriminalität“, erklärte Richter Dr. Nachreiner, der hinzufügte: „Durch Ihre Flucht haben Sie den Vollzug zusätzlich verzögert.“ Den Großteil seiner Strafe hat der 43-Jährige bereits in Italien abgesessen, dorthin will er bald wieder zurückkehren.

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