Im Kino: „Tabu“ – Georg Trakls destruktive Energie

Christoph Stark (©Agentur Scenario)

Der Dichter Georg Trakl war depressiv, nahm alle Sorten Drogen, die er in die Finger bekam, ignorierte sein Studium der Pharmazie und unterhielt womöglich eine sexuelle Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Margarethe. Das ist das Thema von „Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“. Dieser radikale Film zeigt eine Abfolge von Sehnsucht, Streit, Schuld, Depressionen und Exzessen und lässt den Zuschauer mitleiden. Für die Passauer Neue Presse habe ich mit Regisseur Christoph Stark über sein Projekt gesprochen. In der Filmgalerie Bad Füssing stellt er es am Donnerstagabend, 14. Juni, um 19.30 Uhr vor.

Grete Trakl (Peri Baumeister) ist die Muse ihres Bruders Georg (Lars Eidinger) (Foto © Camino Filmverleih GmbH).

Herr Stark, haben Sie ein Lieblingsgedicht von Georg Trakl?

Christoph Stark: De Profundis, das auch in „Tabu“ vorkommt. „Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt. / Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht. / Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist. / Wie traurig dieser Abend…“ Da steckt fiefste Emotion drin.

Hatte Georg Trakl nun was mit seiner Schwester?

Stark: Niemand weiß es. Ich finde es auch nicht wesentlich für den Film. Wir haben uns eben die Freiheit genommen, es so zu behaupten. Wesentlich ist das Thema der Schwester und des sexuellen Begehrens, weil das Trakl Zeit seines Lebens beschäftigt hat. Es geht um das innere Bild, das ihn gequält und herausgefordert hat.

Was macht Sie so sicher? Schließlich musste die Affäre im Geheimen stattfinden, der Briefwechsel der beiden wurde von der Familie vernichtet, und es gibt keine Erinnerungen der beiden früh Gestorbenen.

Stark: Es ist so – das glaube ich nach all dem, was ich recherchiert habe. Es gibt Aussagen kurz vor Margarethes Tod, die in die Richtung deuten. Auch die Gedichte Trakls in seinem Band „An die Schwester“ sind derartig explitzit. So etwas kann sich niemand nur ausdenken. Außerdem fragt man sich doch: Warum verbrennt die Mutter den Briefwechsel ihrer Kinder, wenn er nicht gegen alle Konventionen verstoßen hat? In dieser ganzen Familie steckt eine destruktive Energie.

Wie genau muss oder sollte man es mit den historischen Tatsachen nehmen? Margarethe Trakl hat ja keinen Wiener Musikprofessor geheiratet, sondern einen Buchhändler aus Berlin…

Stark: Kunst ist frei. Denken Sie doch an den Film „Amadeus“, der sich das Recht herausnimmt, die Beziehung zwischen Mozart und Salieri zu thematisiere. Dabei gab es keine wirkliche Begegnung. Dafür spielt man ein Thema durch über Genie und Mittelmaß. Das alles wird aber immer problematischer, je näher man an die Gegenwart herankommt. Aber zu Georg Trakl gibt es kaum Bildmaterial, er ist seit 100 Jahren tot, es gibt keine Nachfahren, denen man zu nahe treten kann. Da ist es erst recht erlaubt, über Kunst und Leiden zu sprechen.

Lassen Sie uns über die Schauspieler sprechen: Den Charakterdarsteller Lars Eidinger als Georg Trakl zu besetzen muss ein Glücksgriff gewesen sein, oder?

Stark: Lars ist ein wahnsinniger Schauspieler und bringt alles mit, was man für einen guten Film braucht. Arbeit hatte ich trotzdem. Regiemachen bedeutet, das Projekt in einer bestimmten Spur zu halten. Wenn ein Schauspieler etwas nicht versteht, kann man es nicht umsetzen. Für „Tabu“ mussten wir in die Abgründe der Seele vordringen. Da brauchen Schauspieler und Regie sehr viel Kraft und Emotionen, und das macht es anstrengend.

Georg Trakl (Lars Eidinger) kümmert sich um seine Schwester Grete (Peri Baumeister) (Foto: © Camino Filmverleih GmbH)

Wie sind Sie auf Peri Baumeister gestoßen? Einige kennen sie aus „Russendisko“, ihre erste Rolle aber war die Margarethe in „Tabu“.

Stark: Wir haben vielen, auch bekannten Schauspielern abgesagt – weil viele Angst vor dieser Rolle hatten. Dann hat man uns zwei Schauspielschülerinnen geschickt. Peri kam rein, hat einige Szenen mit Lars Eidinger gemeinsam durchgespielt. Nach den ersten paar Sätzen schielte Lars schon so vielsagend zu mir herüber – und dann haben wir es gewagt.

Bisher haben Sie sich vor allem mit Krimis aus den Reihen Tatort, Polizeiruf und Bloch einen Namen gemacht. Nun geht es um Todessehnsucht, Inzest und Erotik. Wie kam diese Mischung bisher an?

Stark: Das Verbot von Inzest ist ein Fundament unserer Kultur und Missbrauch zerstört Familien. Also besteht zurecht Angst davor, dieses Tabu aufzuweichen. Aber in unserem Film geht es darum, den Prozess der Selbstzerstörung zu zeigen. Die allgemeine Angst wird also nicht mehr transportiert. Komischerweise zeigt sich – von Geldgebern über Schauspieler bis zu Kinobesuchern – dass Männer viel mehr Furcht vor dem Thema Inzest zu haben scheinen als Frauen.

Sie spicken ihren Film mit Zitaten aus Trakls komplexen Gedichten. Kann man das dem Publikum zumuten? Wen wollen Sie eigentlich ansprechen?

Stark: Natürlich kann man das dem Publikum zumuten. Dabei war das Einbeziehen der Gedichte gar nicht so geplant, im Drehbuch gab es nur zwei winzig kleine Trakl-Passagen. Aber als Lars Eidinger die Gedichte vorgelesen hat, habe ich sie zum ersten Mal richtig verstanden. Wenn man sie hört, entwickeln sie eine wahnsinnige Kraft und berühren tief. Wir haben also ein paar Gedichte abends aufgenommen, es wurden mehr und mehr – dann haben wir sie verwendet. Viele Kinobesucher haben mir erzählt: Nachdem sie „Tabu“ gesehen haben, hätten sie Trakls Gedichte erst richtig verstanden. Also hoffe ich auch auf jede Menge Abitursklassen im Kino. Schließlich ist Trakl ja Stoff für die Prüfungen.

IN DER FILMGALERIE BAD FÜSSING

„Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ mit Regisseur Christoph Stark am Donnerstag, 14. Juni, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing. Kartenreservierung unter Telefon 08531/29284.

Regisseur Christoph Stark bei der Arbeit am Set (Foto © Agentur Scenario).

ZUM FILM

Georg Trakl (Lars Eidinger) geht zum Studium der Pharmazie nach Wien – und seine impulsive, willensstarke Schwester Grete (Peri Baumeister) geht mit. Als eine der ersten Frauen ihrer Zeit will sie an der Musikakademie studieren, aber vor allem will sie ihn. Sie inspiriert Trakl mit ihrer unbändigen Liebe zu seinen weltberühmten Gedichten. Die Zeit des ungetrübten Glücks ist nur kurz. Georg hält dem sozialen Druck nicht stand, verfällt dem Drogenrausch und zwingt Grete, ihren Musikprofessor zu heiraten. In einer letzten verzweifelten Tat versucht die (un)geliebte Schwester, ihren Bruder zurückzugewinnen. Denn für die beiden geht es entweder zusammen oder gar nicht.

DAS SAGT DIE PRESSE

„Betörende Sprache, wunderschöne komponierte Bilder und Schauspieler, die einen umhauen.“ (Brigitte) „Schön gefilmtes, poetisches Drama um die leidenschaftlich-obsessive Beziehung der Geschwister Trakl, das auch den Texten und der Musik der beiden Rechnung trägt.“ (Kino.de) „Die vielleicht größte, noch nie erzählte, verbotene Liebesgeschichte aller Zeiten.“ (Moviepilot) „Eine Liebe, die nicht sein darf, doch die so fesselnd und durchdringend porträtiert wird, dass der Zuschauer ihre Erfüllung herbeisehnt.“ (Filmfest München)

NOCH MEHR ZUM FILM

Zum Trailer

Interview mit Schauspielerin Peri Baumeister 

TABU – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden: Zur Film-Page

Advertisements