Er erklärt uns die Liebe – und ihr Ende (PNP vom 25.2.2012)

Regisseur Florian Aigner kommt Dienstag in die Filmgalerie

Bad Füssing. Eine intensive Dokumentation über gescheiterte Beziehungen ist am Dienstagabend, 28. Februar, um 19.30 Uhr zu sehen. Der Regisseur, Autor und Cutter Florian Aigner stellt „Erklär mir Liebe“ in der Filmgalerie vor.

Aigner ist 1975 in Berlin geboren und auch dort aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik und Soziologie und ersten Engagements in der Filmproduktion studierte er das Regiefach von 2001 bis 2007 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Nach dem Abschlussfilm „Schweigen ist Silber“ machte er Filme für die Fernseh-Reihen Menschen hautnah (WDR) und 37 Grad (ZDF) sowie für 3sat und ARTE. „Erklär mir liebe“ drehte er im Jahr 2010.

Ihren Film haben Sie bereits vor zwei Jahren produziert. Warum sind Sie immer noch auf Tour?

Florian Aigner: „Erklär mir Liebe“ hat sich über Mundpropaganda herumgesprochen und das Interesse der Kinobesitzer geweckt. Es ist ein großer Glücksfall, dass sich so die bayerische Kinotournee ergeben hat. Außerdem betrifft das Thema des Films viele Menschen, ist immer aktuell und lässt sich gut mit einem Besuch des Regisseurs verbinden – oder als Kooperation mit Familienzentren.

Sind die Reaktionen auf den Film in der Stadt anders als auf dem Land?

Aigner: Komischerweise nicht. Wahrscheinlich, weil immer die unterschiedlichsten Leute auftauchen und so überall alle Reaktionen möglich sind. Ich habe schon zwei Großmütter desselben Enkels getroffen, die schauen wollten, wie sie mit einer Scheidung in der Familie umgehen müssen. Oder es kommen getrennte Eltern, die mir ihre eigene Geschichte erzählen. Oder ich treffe auf Paare, die sich über die Fallstricke von Beziehungen informieren. Besonders rührend war für mich eine 19-Jährige, die im Kinosaal gefragt hat, ob es denn an ihr liegt, dass sich ihre Eltern getrennt haben.

Sie haben für „Erklär mir Liebe“ Regie, Schnitt und Buch übernommen. Eine Selbsttherapie?

Aigner: Der Film hat nicht mich zum Thema, auch wenn ich selbst geschieden bin und zwei Kinder habe. Anfangs wollte ich einen Film machen über Väter als Scheidungsopfer: also Männer interviewen, die sich in einem richtigen Anwaltskrieg vor Gericht befinden. Aber Filme machen, um sich selbst zu heilen, das ist furchtbar. Ich bin dann aber dazu übergegangen, einen Film über das Scheitern der Liebe zu machen und mich auf die Paare zu konzentrieren. Drei der vier Paare im Film waren verheiratet und haben ihre Kinder aus Liebe bekommen. Die Familiengründung aber scheiterte. Vor allem von den Älteren habe ich viel gelernt und konnte überlegen, woran es bei mir gescheitert sein könnte.

Wie sind Sie an die vier „getrennten Paare“ für Ihren Film gekommen?

Aigner: Ich erzähle meinen Freunden und Kollegen immer, welche Projekte ich gerade plane – so finde ich heraus, ob sie sich für einen Film eignen oder ich sie begraben sollte. Alle, denen ich von dem Projekt über die gescheiterten Beziehungen erzählt habe, meinten: Das ist ein Wahnsinnsthema, aber bloß nicht schon wieder den Fokus auf die Scheidungskinder legen. Und alle meinten: Da kenne ich jemanden für dich.

Wir sehen Emotionen, Tränen, ihre Gegenüber öffnen sich. Wie haben Sie das geschafft? Gibt es einen Trick?

Aigner: Das Wichtigste ist: Herausfinden, warum die Leute mitmachen wollen. Es geht ja nicht darum, dass jemand besonders toll ist, um ins Fernsehen zu kommen.  Meine vier Paare wollten einfach nur erzählen – und vielleicht auch familieninterne Diskussionen anstoßen. Wenn man sich vor der Kamera öffnet, will man das auch.

Lassen sich die Motive für eine Trennung überhaupt kurz erklären?

Aigner: Natürlich nicht, es ist ein Potpourri von Motiven – und die Paare repräsentieren jeweils einen Hauptgrund für die Trennung. Eine junge Frau geht eine symbiotische Beziehung mit dem neu geborenen Kind ein und vernachlässigt den Mann. Ein junger Mann wiederholt ein bekanntes Muster. Er ist selbst Scheidungskind und sagt: „Ich habe auch nie einen Vater erlebt.“ Das eine ältere Paar ist an ihrer Fernbeziehung gescheitert. Und zwischen einem Arzt und einer Ärztin gab es eine totale Rollenverschiebung: er war viel mütterlicher. Sie meinte: „Wenn er die Kinder noch hätte stillen können, wäre er die bessere Mutter gewesen.“

INFO

Florian Aigner stellt „Erklär mir Liebe“ am Dienstag, 28. Februar, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing vor. Platzreservierungen unter Telefon 08531/29284. Die DVD zum Film kann für 14,90 Euro (plus drei Euro Versandkosten) per E-Mail bestellt werden: info@erklaer-mir-liebe.de.

ERKLÄR MIR LIEBE

 „Kannst du dir vorstellen, dass ihr noch einmal zusammenkommt?“ – „Auf keinen Fall, und wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre.“ Die Dokumentation von Florian Aigner liefert schonungslose Aussagen über das Ende der Liebe. Die Paare, die er für sein Projekt begleitet hat, lassen viele Innenansichten zu, sind verletzlich und hilflos – vor allem, wenn die gemeinsamen Kinder ins Spiel kommen. Gerdy und Pauline zum Beispiel hatten Traumhochzeit und Wunschkind. Doch Pauline „entliebt“ sich. Eine Versöhnung scheint unmöglich, doch durch den Sohn sind die beiden zusammengeschweißt, ob sie wollen oder nicht. Ulrich und Petra dachten schon an die gemeinsamen Enkelkinder, doch die berufsbedingte Fernbeziehung zerstörte ihre Ehe. Wenn Petra heute an den Zeitpunkt zurückdenkt, als sie ihren Kindern von der Trennung berichten musste, bricht sie in Tränen aus. In der Ehe von Tilmann und Marlen kriselt es gewaltig, trotz dreijähriger Tochter und erneuter Schwangerschaft. Er besteht auf der Trennung, sie hofft, dass die Familie wieder zusammen findet. Peter und Bettina berichten über die Langzeitfolgen einer Trennung mit Kindern: Er hält jahrelang nach außen den Schein der heilen Welt aufrecht und vergisst dabei, wirklich um seine Ehe zu kämpfen. Sie verlässt ihren Mann für einen anderen und hat noch heute Schuldgefühle deswegen.

(Besten Dank für die Fotos an Florian Aigner.)

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