„Emotionen direkt durch die Nadel injizieren“ (Passauer Neue Presse, Anfang Juli 2011)

Bad Füssing. Kommenden Montag, 4. Juli, ist es wieder soweit: Kinofreunde können sich auf den Besuch eines Regisseurs freuen. Florian Cossen kommt gemeinsam mit Drehbuchautorin Elena von Saucken in die Filmgalerie, um Das Lied in mir vorzustellen – die Jagd einer Frau nach ihrer eigenen Biografie. Im Interview mit der Passauer Neuen Presse spricht er über sein Spielfilmdebüt.

Herr Cossen, wie sind Sie an den Stoff für Ihren Film gekommen?

Florian Cossen: Im Jahr 2006 habe ich von der Filmhochschule aus ein Auslandssemester in Argentinien verbracht. Dort bin ich auf die Geschichten der verschwundenen Kinder während des Militärregimes gestoßen – 500 Fälle von Zwangsadoptionen Null- bis Dreijähriger soll es gegeben haben. Geboren sind sie Ende der siebziger Jahre, nun finden Sie Ihre wahre Identität heraus. Wenn du im Alter von 30 merkst, dass du nicht der bist, der du bist; dass deine leiblichen Eltern womöglich von ihren besten Freunden verraten wurden – das hat mich nicht mehr losgelassen. So entstand die Geschichte einer Frau in ungefähr meinem Alter, die in Argentinien ein Lied hört, dass sie ohne Spanischkenntnisse versteht.

An dieser Stelle ist es Zeit, den Inhalt von „Das Lied in mir“ zusammenzufassen. Die junge Deutsche Maria (Jessica Schwarz) hört bei einer Zwischenlandung in Buenos Aires ein spanisches Kinderlied. Das verändert ihr Leben. Maria hat nie Spanisch gelernt und erkennt doch das Lied. Als Marias Vater Anton (Michael Gwisdek) davon erfährt, reist er ihr sofort hinterher. Er will seine Tochter vor der Vergangenheit beschützen. Maria ringt mit Anton um eine gefährliche Wahrheit und Anton ringt mit der Vergangenheit um seine Tochter.

Hat der Film auch mit Ihrer eigenen oder anderen Biographie zu tun?

Cossen: Die Geschichte ist reine Fiktion, basiert aber auf ähnlichen Fällen, die wir recherchiert haben. Einen autobiographischen Teil gibt es tatsächlich auch. Ich bin in Israel geboren, weil mein Vater im diplomatischen Dienst tätig war, habe im Alter von vier Jahren wohl perfekt Hebräisch gesprochen und es natürlich wieder vergessen. Als ich später aus reiner Neugier wieder versucht habe Hebräisch zu lernen, hat mir meine Lehrerin Kinderlieder vorgesungen. Das siebte Lied habe ich sofort erkannt – und das ist auch das Vorbild für die entscheidende Szene im Film. Ich finde es faszinierend zu beobachten, was in unserem Hirn und mit unseren Emotionen passiert, wenn lange verborgene Sinneseindrücke zurückkehren.

„Das Lied in mir“ hat einen ernsten politischen Hintergrund, ist aber nicht politisch. Warum nicht?

Cossen: Wir wollen bewusst nicht erklären, was in den 70er-Jahren in Argentinien passiert ist. Wir wollen erklären, was in den Familien dieser Zeit passiert ist. Kleine Emotionen sollen den größtmöglichen Raum erhalten; in einem politischen Film könnten wir das nur anreißen. Emotionen machen den Film global, denn sie lassen sich überall hin übertragen. Denn an jedem Ort der Welt kann man nachfühlen, was passiert, wenn in Diktaturen Verbrechen auf Familien ausgeübt werden. Die Gefühle der Hauptperson Maria wollten wir ganz bewusst inszenieren.

Kritiker bescheinigen ihrem Film ein „angenehm verhaltenes, reduziertes Melodram“ zu sein. Wie reduzieren sie? Und wieso funktioniert das im Kino besser als beispielsweise im Fernsehen oder im Theater?

Cossen: Im Kino kann man Emotionen direkt durch die Nadel injizieren. Wer sich in den schwarzen Kinosaal begibt, grenzt sich in der Dunkelheit von den anderen ab, will nicht aufstehen, gibt sich der großen Leinwand und den Tönen hin. Wir Filmemacher sitzen an emotional sehr starken Hebeln und haben eine Fülle an Möglichkeiten, Spannung aufzubauen: lange Einstellungen, Regulierung der Lautstärke, unterschwellige Sounds. Dazwischen gibt es auch Momente der Entspannung, in denen sich der Zuschauer fragen kann: „Wie wäre es mir in dieser Situation wohl ergangen?“ So funktioniert Kino.

Für Sie, Ihren Cutter und Ihren Produzent war „Das Lied in mir“ der Abschlussfilm der Filmhochschule. Ein Team aus jungen Leuten dreht im Ausland – klingt kreativ bis chaotisch. Wie liefen die Dreharbeiten tatsächlich ab?

Cossen: Wir hatten nur einen Drehtag in Baden-Württemberg, dafür 39 in Buenos Aires. Der Film wurde zwar mit einem recht kleinen Budget finanziert. Für einen Produktionspartner in Argentinien hat es aber gereicht. Diese Firma hat dann zum Beispiel die Drehorte inspiziert. Wir konnten also unter sehr professionellen Bedingungen arbeiten. 40 Tage am Set – das ist sehr viel Zeit. Und Zeit, die steht immer im Verhältnis zur Qualität eines Films. Der Schlüssel zu allem aber ist ein gutes Drehbuch. Dann sind nämlich sofort viele erfahrene Leute dabei, auch wenn sie damit kein großes Geld verdienen, sondern weil sie einfach etwas Gutes produzieren wollen.

Am Drehbuch hat auch Elena von Saucken mitgearbeitet. Sie begleitet Sie nicht nur nach Bad Füssing, sie ist auch Ihre Lebensgefährtin. Wenn die Partnerin am eigenen Projekt mitarbeitet, macht es das nicht viel stressiger?

Cossen: (lacht) Das macht es viel leichter. Ich war für diesen Film ein halbes Jahr in Argentinien. Wäre sie nicht involviert gewesen, wie hätten wir sonst unsere Beziehung so gut aufrecht erhalten können? Die Zusammenarbeit war ein Experiment. Das lief so toll, dass wir bereits zwei weitere Stoffe gemeinsam verarbeiten.

Wie zufrieden sind Sie mit der Gunst der Zuschauer? Läuft alles so wie erwartet?

Cossen: Es läuft besser. Im vergangenen Jahr gab es viele gute deutsche Filme, die höchstens 30.000 Zuschauer hatten. Wir sind bereits bei 135.000. Das ist noch lange kein Til-Schweiger-Niveau, aber jenseits von allem, was wir erwartet haben. Das zeigt doch, dass die Leute nicht nur zum Lachen ins Kino gehen. Man kann auch nachdenklich stimmen, atemlos machen und Hoffnungen wecken.

Zum Regisseur

Florian Cossen (Jahrgang 1979) studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, davor war er Regieassistent bei verschiedenen Produktionen. Während des Studiums entstanden seine Kurzfilme Wolfsnacht und L’oubli (Das Vergessen). Wenn einer viel in der Welt herumkommt, dann Cossen: Geboren in Tel Aviv, wuchs der Sohn eines Diplomaten in Israel, Kanada, Spanien, Costa Rica und Deutschland auf. Seine Drehbuch- und Filmrecherchen führten ihn nach Los Angeles und Buenos Aires – und hier spielt nun Cossens Spielfilmdebüt Das Lied in mir, das seine Premiere am 10. Februar dieses Jahres feierte. (sh)

Advertisements