Emotionen auf und vor der Leinwand (PNP vom 18. Juni 2011)

Regisseur Steinbichler stellt sich dem Publikum

Bad Füssing. Wenn sich während des Abspanns sogar Männer die Tränen aus den Augen wischen, dann ist ein Film wirklich an die Nieren gegangen. So geschehen am Donnerstagabend in der Filmgalerie Bad Füssing. Zu Gast war Regisseur Hans Steinbichler, der seinen neuen Film „Das Blaue vom Himmel“ vorstellte.Kinobetreiber Christian Mitzam (r.) freute sich, mit Hans Steinbichler erneut einen Regisseur in der Filmgalerie zu begrüßen. (Foto: Haas)

Mit seinem aktuellen Projekt hat sich der Filmemacher viel vorgenommen. Steinbichlers Film handelt von Liebe und Verrat, von einem Konflikt zwischen zwei Frauen, von Alzheimer und dem Verlust von Heimat. Es geht um die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Marga hat gegenüber ihrer Tochter Sofia nie große Gefühle gezeigt. Nun aber leidet sie an Alzheimer, ist auf Hilfe angewiesen, offenbart Ängste und erzählt von vergangenen Dingen. Sofia will diesen Geschichten auf den Grund gehen und stellt fest, dass ihre Mutter sie ein Leben lang belogen hat.

Die Handlung wird getragen von Emotionen, wird untermalt mit viel klassischer Musik. Die Bilder wirken stark und sind groß – große Landschaften, Nahaufnahmen von Gesichtern, selbst die Räume, in denen die Handlung spielt, sind groß. Das mag für den einen oder anderen übertrieben rührselig und emotional wirken. Doch wer im Kinosaal etwas empfinden will – oder die Empfindungen anderer beobachten – ist in „Das Blaue vom Himmel“ gut aufgehoben.

Die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerinnen Hannelore Elsner, Juliane Köhler und Karoline Herfurth tut ihr Übriges. Der Regisseur wollte sehr starke Frauenfiguren besetzen, wie er den Zuschauern in der Filmgalerie erklärte. Das ist ihm vollauf gelungen. Hannelore Elsner ist das Emotionale, das Feuer; Juliane Köhler ist die Reservierte, die Verlorene, das Eis, das nur in ganz kurzen Momenten auftaut. Besonders stark aber spielt Karoline Herfurth in der Rolle der jungen Marga. Man nimmt ihr alles ab: die bedingungslose Liebe, die Sehnsucht, die Verachtung, die Entschlossenheit, die Verzweiflung. „Was sie in manchen Momenten spielt, das ist das Fundament des ganzen Filmes“, erklärte Steinbichler.

Zwischen dem Regisseur und seinem Publikum entwickelte sich eine angeregte Diskussion. Über die Zusammenarbeit mit gewaltigen Schauspielerinnen („Die brauchen immer volle Aufmerksamkeit“); über das ältere Kinopublikum („Die stellen Fragen, die wollen nachdenken, die wollen empfinden“); über historische und weniger historische Aufnahmen („Die lettische Ostseeküste haben wir nach Heiligendamm versetzt“) und über „weibliche“ Empfindungen bei männlichen Filmproduzenten. Dass die auch bei den stärksten Kerlen für Rührung sorgen können, hat dieser Film bewiesen.

Nächster Gast in der Filmgalerie ist am 4. Juli um 19.30 Uhr Regisseur Florian Cossen mit Drehbuchautorin Elena von Saucken. Sie stellen ein Drama vor: „Das Lied in mir“.

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