Das Blaue vom Himmel: Großes Gefühlskino (PNP, Mitte Juni 2011)

Bad Füssing. Liebe und Verrat, Alzheimer und der Verlust von Heimat: Regisseur Hans Steinbichler packt in seinem neuen Film Das Blaue vom Himmel viele Eisen an. Was ihn dazu treibt, erklärt er im Interview und am Donnerstag, 16. Juni um 19.30 Uhr persönlich in der Filmgalerie. 

Herr Steinbichler, Sie erzählen in „Das Blaue vom Himmel“ eine Geschichte von unsterblicher Liebe, von einem Mutter-Tochter-Konflikt, vom Verlust der Heimat, von den Konflikten auf dem Baltikum, von Alzheimer. Haben Sie sich nicht ein bisschen viel vorgenommen?

Hans Steinbichler: Überhaupt nicht. Ich erzähle eine simple Geschichte. Mutter und Tochter verhandeln ihre Sache. Eine ungelöste Liebesgeschichte mündet in die Frage: Kann man verzeihen? Was bedeutet Verzeihen? Was geschieht mit Liebe, die beschädigt wird? Alles andere spielt im Hintergrund. Der Zuschauer nimmt das einfach mit.

Sie zeigen in Ihren Filmen einen Hang zu den Abgründen der menschlichen Seele, zu Geschichten von Verrat und Vergebung, zur Bindung an die Heimat. Wollen Sie nicht komisch? Welche Vorbilder gibt es für Ihre Arbeit?

Steinbichler: Ich habe einen Hang zum Komischen, nur kann man den in meinen Filmen nicht sehen. Ein guter Stoff für eine Komödie ist schwer zu finden. Ich suche ihn seit langem – unter dem Potenzial von Bridget Jones würde ich es aber nicht machen. Ich nenne Ihnen zwei Vorbilder: Anthony Minghella; er hat Unterwegs nach Cold Mountain und Der englische Patient gedreht und nutzt die Macht der Bilder und der Musik, um eine große Tiefe aufzubauen. Pedro Almodóvar macht drastische, radikale Heimatfilme und weidet seine schwule Umgebung aus. Auch das ist sehr faszinierend.

„Das Blaue vom Himmel“ spielt in zwei Zeitebenen, im Baltikum der 1940er Jahre und fünfzig Jahre später. Wie schafft man Übergänge, damit die Spannung nicht entgleitet?

Steinbichler: Es ist die Qualität des Films, dass er die Ebenen gut verbinden kann. Das läuft ganz simpel: In stillen Momenten fangen wir die Emotion in den Gesichtern der Schauspieler ein. Der Moment wird gehalten. Dann ein harter Schnitt, eine andere Zeit – aber der Zuschauer bleibt in dieser Empfindung hängen und trägt sie weiter in die andere Person.

Noch einmal zur Macht der Musik: Der Soundtrack zu Ihrem Film ist sehr opulent. Welche Rolle spielt die klassische Musik?

Steinbichler: Eine viel größere als in all meinen bisherigen Filmen. Ich habe den Schweizer Niki Reiser als Komponist ausgewählt, der zum Beispiel für Caroline Link bei Nirgendwo in Afrika komponiert hat. Die Empfindungsstärke wird durch seine Musik noch verstärkt. Die Musik wirkt wie eine Welle, wie ein großer Sturm. Sie ist nicht zurückhaltend. Sie setzt sich darauf. Aber sie übertreibt nicht. Das sind die Kinomomente, die ich mag.

Sie sagen selbst, „Das Blaue vom Himmel“ sei ein Frauenfilm. Was sollen die Männer in der Zwischenzeit machen?

Steinbichler: Ich sage lieber: Ein Film für Frauen. Frauenfilm – das klingt zu abwertend. Natürlich müssen die Männer mit ins Kino, weil man(n) dort viel über Frauen erfährt. Natürlich sehnt sich der durchschnittliche Mann eher nach Sport und Nachrichten. Aber es gibt auch die, die etwas über das Fremde wissen wollen, die sich der Macht der Frauen bewusst sind. Die Frauen im Film gehen von der absoluten Liebe aus. Das ist etwas rein Weibliches. In einer Kritik hieß es: „Die Sehnsucht ist die Krankheit der Frauen.“ Das hat mir sehr gut gefallen.

Wie ist es, mit Schauspielerinnen wie Hannelore Elsner, Juliane Köhler und Karoline Herfurth zu arbeiten?

Steinbichler: Die große Freude war, dass ich es mit völlig verschiedenen Universen zu tun hatte. Hannelore Elsner und Juliane Köhler agieren emotional, wie Feuer und Eis. Karoline Herfurth ist extrem intelligent und arbeitsam, mit ihr kann man an jeder Nuance arbeiten. Wenn ich mit zwei dieser Frauen gleichzeitig am Set arbeite, und eine allein 200 Prozent Aufmerksamkeit braucht, bleibt für die andere nicht viel übrig. Mit so irrsinnig reizvollen Persönlichkeiten zu arbeiten ist eine große Herausforderung. Die habe ich sehr genossen.

Wenn Sie am Donnerstag in der Filmgalerie „Das Blaue vom Himmel“ vorstellen, ist das etwas Besonderes? Was für ein Publikum erwarten Sie?

Steinbichler: Diese Vorführung ist nicht wie jede andere. Es ist eine Art Rückkehr, weil ich einmal in Passau Jura studiert habe. In der Filmgalerie zu Gast zu sein ist außerdem wie ein Familienbesuch. Hier zählt nicht die Werbung, sondern das Kinogefühl. Das ist ziemlich einmalig. Was das Publikum angeht, so erwarte ich – ganz ehrlich – das Übliche: Sehr viele Frauen ab 40 aufwärts. Alles andere würde mich sehr wundern. Aber auch sehr freuen.

Dann hoffen wir gemeinsam auf viele junge Zuschauer, und auch auf Männer. Vielen Dank für das Gespräch.

Zu Regisseur und Kinofilm

Hans Steinbichler, geboren 1969, wuchs im Chiemgau auf. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Passau ging er an die Hochschule für Fernsehen und Film in München. Sein Abschlussfilm Hierankl erhielt 2003 den Förderpreis Deutscher Film, den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen Filmpreis. Es folgten Winterreise, Autistic Disco und (gemeinsam mit Tom Tykwer, Dominik Graf und Fatih Akin) der Episodenfilm Deutschland 09. Für seinen vierten Kinofilm hat Hans Steinbichler begnadete Schauspielerinnen vor die Kamera geholt: Hannelore Elsner, Juliane Köhler und Caroline Herfurth. Das Blaue vom Himmel erzählt die Geschichte einer schwierigen Beziehung zwischen Marga (alt: Hannelore Elsner, jung: Caroline Herfurth) und ihrer Tochter Sofia (Juliane Köhler). Marga hat Sofia nie große Gefühle gezeigt. Nun aber leidet sie an Alzheimer, ist auf die Hilfe angewiesen, offenbart Ängste und erzählt von vergangenen Dingen. Sofia will diesen Geschichten auf den Grund gehen und muss bald feststellen, dass ihre Mutter sie ein Leben lang belogen hat.

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