Lass uns reden (Passauer Neue Presse vom 3.12.2010)

Ralf Westhoff (Foto: Julia Zimmermann)

Der Winter ist da. Und im Kino können Sie den „letzten schönen Herbsttag“ erleben. Im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse erklärt der Regisseur dieser Beziehungsgeschichte, Ralf Westhoff, was er sich bei seinem Projekt über Mann und Frau gedacht hat. (Foto: Julia Zimmermann)

Ralf Westhoff (Foto: Julia Zimmermann)

Herr Westhoff, ist zum Thema Männer und Frauen nicht schon alles gesagt? Warum beschäftigen Sie sich schon wieder mit diesem Thema?

Ralf Westhoff: Ich habe mittlerweile drei Drehbücher geschrieben – zu ganz unterschiedlichen Themen. Aber die Sache mit den Beziehungen hat sich einfach am besten angefühlt. Außerdem ging es in meinem ersten Film „Shoppen“ um die Austauschbarkeit von Partnern und die hohen Ansprüche der Singles. Nun geht es um eine dauerhafte Beziehung und darum, an der Liebe festzuhalten. Natürlich wurde dieses Thema schon oft behandelt, aber keinesfalls gelöst.

„Der letzte schöne Herbsttag“ ist sehr eng inszeniert, es gibt nur wenige Schauplätze. Sind die Charaktere in ihrer Umgebung, in ihrer Beziehung gefangen?

Westhoff: Was die Schauplätze und die visuelle Kraft angeht, könnte man den Film tatsächlich als „eng“ bezeichnen. Inhaltlich aber ist es der offenste Film, den ich kenne. Durch besondere Stilmittel – man beschreibt den anderen, um ihn zu verstehen – findet der Film ungleich stärker im Kopf der Zuschauer statt. So wird die visuelle Einschränkung zu einem großen Vorteil dieses Films: es entsteht ein zweiter Film im Kopf des Zuschauers. Wir machen sozusagen eine cineastische Paartherapie.

Paartherapie im Kino. Dabei könnte Ihr Film auch ein gutes Theaterstück abgeben.

Westhoff: Ich bin eben ein Filmemacher. Aber es gibt tatsächlich sehr viele Anfragen von Theatern und Verlagen, die das genau so sehen wie Sie.

Ihre Hauptpersonen definieren sich ausschließlich über ihre Beziehung. Der Zuschauer weiß nicht genau, was sie arbeiten. Die Filmkritiker schätzen das Alter von Claire und Leo von Mitte 20 bis 40. Wie kommt das?

Westhoff: Was all die Kritiker manchmal gar nicht sehen: Die offene Form der Dramaturgie schafft Raum, um den Film mit dem eigenen Leben zu vergleichen. Genau deshalb habe ich auf genaue Biographien verzichtet. Wer also einen 40-Jährigen sehen will, wird einen 40-Jährigen sehen – wer eine 20-Jährige sehen will, sieht eine 20-Jährige. Es geht doch nicht darum, zu sagen: So reagiert eine 25-jährige Arzthelferin nach eineinhalb Jahren Beziehung. Nein, Claire und Leo sollen eine Projektionsfläche sein. Alles andere haben wir doch schon 100 Mal gesehen, das wäre doch unglaublich langweilig. Den ratlosen Kritikern rate ich also: Macht Euch Gedanken über Euch selbst.

Ihre Darsteller sprechen das Publikum direkt an. Sollen wir etwa das Paar therapieren?

Westhoff: (lacht) Man darf sich als Zuschauer einfach aussuchen, welche Rolle man einnimmt – Therapeut, beste Freundin, oder einfach nur Zuschauer. Eine Hoffnung habe ich aber schon: Diese Therapeutin, oder dieser Freund, soll einen Rat geben, der mehr mit seinem realen Leben zu tun hat als mit dem Film selbst.

Wissen Sie, wie viele Frauen Ihre Filme ansehen, und wie viele Männer? Schließlich wird in „Shoppen“ und auch in „Der letzte schöne Herbsttag“ praktisch nur geredet.

Westhoff: Ganz klar: Frauen haben auf kommunikativer Ebene große Vorteile und zu meinen Filmen wohl eine größere Affinität. Aber es gibt auch Männer, die da mithalten können und Frauen, denen zu viel geredet wird. Ich schätze, dass das Geschlechterverhältnis im Kinosaal ziemlich ausgeglichen ist.

Sie haben in Passau noch Betriebswirtschaft studiert. Jetzt sind sie Regisseur. Wie kam das?

Westhoff: Nun ja, ich bin auch so einer, der in der Zeitung zuerst den Feuilleton, dann den Wirtschaftsteil und dann die Politik liest. Das sind eben meine Interessen. Das Wirtschaftsstudium, das habe ich mir angeguckt, aber das komplizierte Darstellen einfacher Sachverhalte war nichts für mich. Ich habe es umgekehrt gemacht und lange als Journalist gearbeitet, nachdem mich die Filmhochschulen abgelehnt hatten. Währenddessen habe ich aber auch Kurzfilme gemacht, und die kamen beim Publikum so gut an, dass ich erstens Motivation hatte, den nächsten zu drehen, und zweitens auch an das Startkapital dafür kam. So hat sich das entwickelt. Heute arbeite ich als Regisseur, Autor und Produzent – das füllt mich mehr aus als jeder Vollzeitjob. Da leidet dann nicht mehr nur die Freizeit, sondern vermehrt auch der Schlaf.

Was haben Sie an Ihrem letzten schönen Herbsttag gemacht?

Westhoff: Eigentlich habe ich jeden der letzten schönen Herbsttage in einem Kino verbracht. So soll es ja auch sein. Das ist mein Film, und ich will natürlich, dass er gut läuft. Also gebe ich Interviews und diskutiere ich mit Menschen unterschiedlichen Alters darüber, wie sie die Dinge verstehen, die ich mir im stillen Kämmerlein selbst ausgedacht habe. Ich bin so sehr Filmemacher, dass ich das Produkt schreiben, drehen und auch im Kino sehen will.

ZU FILM UND REGISSEUR

Ralf Westhoff, geboren 1969, stammt aus München. Nach einem BWL-Studium an der Universität Passau arbeitete er als Radioreporter und Nachrichtenredakteur. Zwischen 2001 und 2004 schrieb, inszenierte und produzierte er drei preisgekrönte Kurzfilme. 2008 erhielt Ralf Westhoff für seinen ersten Langfilm „Shoppen“ den Bayerischen Filmpreis. Bei „Der letzte schöne Herbsttag“ ist Westhoff für Regie, Drehbuch und Produktion verantwortlich – der Film wurde bereits mit dem Förderpreis Deutscher Film ausgezeichnet.

Im Kern geht es in „Der letzte schöne Herbsttag“ um die Frage: Wie kann man zusammen glücklich sein? Denn Claire liebt Leo. Und Leo liebt Claire. Obwohl sie nicht zusammen passen. Claire hat Angst vor Krankheiten, schreibt romantische SMS, diskutiert gerne und braucht Sex. Leo genießt lieber beim Wandern den letzten schönen Herbsttag – und über Beziehungen redet er schon gar nicht gerne. Claire hat das Gefühl, Leo vergisst sie, sobald sie ihm aus dem Blickwinkel gerät. Der überforderte Leo hingegen hätte gerne eine Claire-Gebrauchsanweisung. Die beiden versuchen herauszufinden, ob ihre Liebe eine Zukunft hat. So erzählen sie: über sich und den anderen, über Ideale, Sehnsüchte und Schwächen, über Streit und Versöhnung.

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