Der Kinosaal wird zum Club (PNP vom 30.11.2010)

Berlin Calling: das ist eigenwilliges, authentisches und wertvolles Kino. Einen aufwühlenden Film über Beats, Drogen und die Liebe zur Musik sahen die Zuschauer in der Filmgalerie Bad Füssing. Dazu erzählte Schauspielerin Araba Walton von der Entstehung des Films. 

„Reiß dich zusammen und werd’ endlich mal erwachsen!“ Das hat man schon in vielen Szenen gehört. Einen Getriebenen, der jeden Halt verliert, hat man auch schon oft auf der Leinwand gesehen. Doch dass eine attraktive Türsteherin einen berühmten Techno-DJ zu Boden ringt, weil sich „die Pfeife“ wieder einmal zwischen Drogen- und Größenwahn befindet – das ist schon eine besondere Art der Therapie. Die Geschichte von Berlin Calling ist schnell zusammengefasst: Der Berliner DJ Ickarus steht kurz vor seiner größten Albumveröffentlichung. Doch nach einem Auftritt im Drogenrausch wird er in eine Berliner Nervenklinik eingeliefert und alle Pläne geraten durcheinander.

Berlin Calling wird nie zu einem moralischen Anti-Drogen-Film. Man beobachtet, erschaudert und lacht zugleich: wenn Ickarus im Rausch auf der Straße zusammenklappt; wenn er im Hotelrestaurant mit Joghurt und Haferflocken herumsaut; wenn er in der Entzugsklinik Partys veranstaltet und zwischen Anfällen und Bewegungstherapie sein neues Album „Titten, Techno und Trompeten“ produziert. Der bekannte DJ Paul Kalkbrenner spielt seinen Part als Ickarus sehr zurückgenommen, ohne viele Worte und gerade deshalb so gut.

Von Bumm-Bumm-Techno keine Spur

Noch viel besser ist aber der Soundtrack zum Film. Der Techno ist sentimental, weit weg von allem Bumm-Bumm, und macht den ganzen Film noch emotionaler, noch besser. Der Kinosaal wird zum Club. Blitze zucken, Beats beben, der Film endet in einem Spektakel aus Beats und Farben. So verlässt man das Kino wie nach einer guten Techno-Party – weiß aber auch, dass es zwischen Spaß und Drogenwahn nur ein klitzekleiner Schritt ist. Gedreht wurde Berlin Calling bei echten Partys in Berliner Clubs, und dass der Regisseur selbst einmal in einer psychiatrischen Anstalt gearbeitet hat, kommt dem Film nur zugute. Das sind nur ein paar der Gründe, weshalb Berlin Calling noch heute weltweit in den Kinos anläuft; zuletzt in Sevilla oder Tokio, und das zwei Jahre nach dem offiziellen Start.

Berlin Calling am 1. Dezember im Fernsehen

Die Simbacher Schauspielerin, Moderatorin und Sängerin Araba Walton beantwortete den Zuschauern in der Filmgalerie Fragen zur Entstehungsgeschichte des ungewöhnlichen Films. So war auch das Casting sehr ungewöhnlich: Regisseur Hannes Stöhr hatte sich zuerst seine komplette Darsteller-Riege ausgesucht und mit ihnen die Rollen ausgestaltet und eingeprobt. „Mit bereits gedrehten Kurzszenen ging er zum Verleih, und dort konnte man nichts mehr entgegnen“, erzählte Araba Walton, die selbst in ihrer Funktion als Türsteherin einer Diskothek für ihre Rolle als Türsteherin „entdeckt“ wurde. Die Schauspielerin Corinna Harfouch, sonst als Charakterdarstellerin im Theater und Fernsehen bekannt, kam zu ihrer Rolle als Leiterin einer Entzugsklinik, weil sie selbst mehr über die Techno-Szene Bescheid wissen wollte.

Zu Gast in der Filmgalerie: Araba Walton, eingerahmt von den Kinobetreibern Karin und Christian Mitzam (Foto: Haas).

Zu Gast in der Filmgalerie: Araba Walton, eingerahmt von den Kinobetreibern Karin und Christian Mitzam (Foto: Haas).

Natürlich drehte sich die Diskussion in der Filmgalerie auch um das Thema Drogen. Braucht man die, um Techno genießen zu können? Nein, sagt Araba Walton, schließlich können sie wirklich gefährlich sein. Aber die Schauspielerin gibt auch zu: „Drogen erzeugen eben eine andere Wahrnehmung von der Umgebung, von Tönen, von Musik.“ Walton hält es selbst so, wie es der Berlin Calling vorgibt: Über die Risiken aufklären, aber nicht „pädagogisieren“. Denn Verbote machen den Rausch gerade für Jugendliche besonders interessant.

Wer nun Lust darauf bekommen hat, sich diesen Film über den Rausch der Drogen und den Rausch der Musik anzusehen, der sollte am Mittwoch den Fernseher anschalten: ARTE zeigt den Berlin Calling um 21.45 Uhr.

Quelle: http://www.pnp.de/lokales/artikel.php?cid=29-30356967&Ressort=ge&Ausgabe=ge&RessLang=poc&BNR=0

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