Berlin ruft, Araba auch (PNP vom 24.11.2010)

Ein Multitalent ist zu Gast in Bad Füssing: Die Schauspielerin, Sängerin und Moderatorin Araba Walton stellt am 28. November um 19.30 Uhr in der Filmgalerie „Berlin Calling“ vor – ein Film über harte Beats, harte Drogen und nur scheinbar harte Männer. Worum es wirklich geht, was Berlin mit Bad Füssing verbindet und warum sie gerne Gstanzl singt, erklärt Araba Walton im Interview.

Worum geht es eigentlich in Berlin Calling: um Berlin, um Techno, oder um den Techno-DJ Paul Kalkbrenner?

Araba Walton: Eigentlich ist der Film eine Hommage an Berlin, an die Musik und irgendwie auch an Paul Kalkbrenner. Der ist schließlich nur als Berater in das Projekt eingestiegen, hat aber letzten Endes die Hauptrolle gespielt und den ganzen Soundtrack komponiert. Für mich persönlich ist Berlin Calling die Geschichte von einem Künstler, der noch Träume hat und mutig genug ist, diese Träume auch zu leben. Außerdem geht es um die Hindernisse und Ängste, die sich einem dabei in den Weg stellen. Jeder Zuschauer kann aus diesem Film andere Lehren ziehen.

Berlin Calling läuft seit dem 2. Oktober 2008 in den Kinos. Doch kaum einer kennt diesen Film. Welche Zielgruppe wird denn angesprochen?

Walton: Es ist wirklich total ungewöhnlich, dass ein Independent- oder Arthouse-Film so lange zu sehen ist. Normalerweise werden die nach zwei Wochen aus dem Programm genommen. Man kann die Zielgruppe von Berlin Calling nicht eingrenzen, nicht nach sozialem Status und nicht nach dem Alter. Anfang des Jahres habe ich den Film zum Beispiel im Goethe-Institut in Washington vorgestellt, die Zuschauer waren 35 und älter. Ich dachte mir: „Ob das mal gut geht…“ Kein Gast hat den Saal verlassen und wir haben lange diskutiert. Es gibt ja genug prekäre Themen, die in dem Film angesprochen werden und die Interesse auslösen – vor allem der Drogenkonsum. Die Filmbewertestelle hat Berlin Calling als „wertvoll“ eingestuft, er darf also auch in Schulen gezeigt werden. Man darf die Zuschauer also nicht unterschätzen.

Berlin Calling und Bad Füssing, wie passt das zusammen?

Walton: Der Link ist Kinobesitzer Christian Mitzam. Vor dem habe ich großen Respekt, er ist ein Filmliebhaber mit Mut und Engagement, sonst würde er einen solchen Film nicht zeigen. Und warum sollte denn auf dem Land nichts Spannendes, Kreatives passieren? Einer der Techno-Größen, DJ Hell, kommt aus der Nähe von Traunstein – und dem bin ich früher schon hinterher gereist.

Das bringt mich zur nächsten Frage: Berlin Calling und Araba Walton, wie passt das zusammen?

Walton: Regisseur Hannes Stöhr hat bewusst Leute gecastet, die einen Bezug haben zur Techno-Welt und zu ihren Figuren. Auch wenn ich heute um Mitternacht schon in der Tiefschlafphase bin – ich war so eine 90er-Jahre-Nachtleben-Katze. Ich war viel in München unterwegs, in Riem am Alten Flughafen, kenne heute noch viele DJs von damals. Techno war eben eine neue, spannende Musikrichtung: Feiern, Leute treffen, trinken, locker lassen – das hatte so ein modernes Woodstock-Flair. Ohne Zwänge, losgelöst von der Herkunft und von der Hautfarbe. Love, Peace und Happiness eben. Das war ja dann auch das Motto der Love Parade.

Sie sind Schauspielerin, haben in Musicals gespielt, Alben aufgenommen. Als was für eine Art von Künstlerin sehen Sie sich eigentlich – und welche Projekte sind aktuell?

Walton: Ich mache das nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: Tue das, was dir gefällt. Jede Passion wird verfolgt – und wenn mich dann noch jemand bucht, ist das toll. Wenn ich schon von Außen eingeschränkt werde, dann möchte ich mich zumindest persönlich nicht einschränken. Im Moment mache ich Lesungen und Moderationen, zum Beispiel den Deutschen Kongress der Fachjournalisten oder bald eine große Silvestergala in Berlin, und habe gerade eine kleine Rolle in der Fernsehserie „Um Himmels Willen“ abgedreht.

Eine weitere Ihrer Passionen ist der Gesang. Auch da sind sie vielfältig aufgestellt. Ich zitiere aus Ihrer Setcard: „Stimmlage Alt (Soul, Jazz, Musical) und bayerische Gstanzl“. Das dürfen Sie unseren Lesern nun erklären.

Walton: Ich habe ja im Musical „König der Löwen“ mitgespielt. Inszeniert hat das Julie Taymor, die zuvor den wunderbaren Film über Frida Kahlo gedreht hatte. Ich verehre beide sehr, also musste ich einfach mit Taymor zusammenarbeiten – und das, obwohl ich Musicals eigentlich nicht besonders mag. Viel mehr liegt mir die elektronische Musik, und da hat mich der DJ und Produzent Roland Appel gebeten, an seinem ersten Soloalbum „Talk to your Angel“ mitzuarbeiten. Er hat komponiert, ich habe getextet und gesungen, das war eine sehr schöne Zusammenarbeit. Und was die Gstanzl betrifft: Meine Großmutter und meine Mutter sind große Gesangstalente. Zuhause habe ich all die bayerischen Volkslieder gelernt, und wenn die Situation passt, singe ich die selbst gerne.

Darüber hinaus engagieren Sie sich für die Arbeitsgemeinschaft Schwarzer Filmschaffender in Deutschland. Worum geht es da?

Walton: Vereinfacht gesagt: Wenn man im Film Schauspieler mit Migrationshintergrund zeigt, sollen es mehr sein als die Quoten-Rollen, die Klischees bedienen. Natürlich gibt es die Afrikaner mit Afrikanischem Akzent, aber es gibt auch solche wie mich, die in Niederbayern aufgewachsen sind. Im Moment ist die Arbeit leider ein wenig eingefroren, da wir alle so sehr mit unseren Projekten beschäftigt sind. Das ist einerseits ein gutes Zeichen, andererseits wäre es mir lieber, wir könnten diese Arbeit auch noch stemmen und weiter auf die Situation von Filmschaffenden mit anderer Hautfarbe aufmerksam machen.

ZUR PERSON

Araba Walton, geboren 1975 in Simbach, ging nach dem Abitur nach London, wo sie zunächst die Arts Educational School abschloss und dann als Schauspielerin arbeitete. Von 2001 bis 2003 spielte sie in Hamburg eine Hauptrolle im Musical „Der König der Löwen“. Danach spielte sie in Berlin im Logentheater, im Theaterensemble abok und gründete 2007 den Verein „Schwarze Filmschaffende in Deutschland“ mit. 2008 drehte sie Berlin Calling und nahm mit Produzent Roland Appel ein Album auf. Araba Walton arbeitet heute als Schauspielerin, Sängerin, Lektorin und Moderatorin.

BERLIN CALLING – ZU FILM UND FILMREIHE

Der Berliner Elektro-Komponist Martin (Paul Kalkbrenner), genannt DJ Ickarus, tourt mit seiner Managerin und Freundin Mathilde (Rita Lengyel) durch die Tanzclubs der Welt. Sie stehen kurz vor ihrer größten Albumveröffentlichung. Als Ickarus jedoch nach einem Auftritt im Drogenrausch in eine Berliner Nervenklinik eingeliefert wird, geraten alle Pläne durcheinander. „Berlin Calling“ ist Teil einer Reihe aus zwölf Berlin-Movies, die in der Filmgalerie Bad Füssing anlässlich von 20 Jahren Deutscher Einheit gezeigt werden. Als nächstes laufen: Billy Wilders „Eine auswärtige Affäre/A foreign affair“ von 1948 (30. Dezember) und „In Berlin“, eine poetische Stadtführung des Kameramanns Michael Ballhaus (27. Januar).

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