Das Ende der Welt blüht auf (PNP vom 23.10.2010)

Ehemalige Deutsch-deutsche Grenze prägt Menschen, Landschaft und Tourismus im Westen Mecklenburgs

Am Tag vor dem Mauerfall hatten sie genug. Genug vom Zaun. Genug vom Sichtschutz. Genug vom Passierschein. Die Einwohner von Rüterberg – im Sperrgebiet an der Grenze der DDR – riefen die Dorfrepublik aus. Seit 1967 war ihre Heimat komplett vom Grenzzaun umgeben.

Denn sie liegt auf einer Landzunge an der Elbe und musste in der Logik der Parteiführung von drei Seiten von der kapitalistischen, faschistischen Bundesrepublik geschützt werden. 22 Jahre lang waren nicht einmal 200 Einwohner von Grenzzaun, Todesstreifen und Sichtschutz eingeschlossen. Nur durch ein Tor konnte man den Ort verlassen, nachts wurde es abgeschlossen, und selbst in die DDR kam man nur mit Passierschein. Dafür gab es eine Entschädigung von 50 Ostmark im Monat.

„22 Jahre haben wir das mit uns machen lassen. Dann hatten wir genug“, sagt der ehemalige Bürgermeister Meinhard Schmechel. Bei einer Bürgerversammlung am 8. November 1989 gründeten die Rüterberger ihre Dorfrepublik – ohne sich wirklich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Politisch unabhängig wollte man nicht sein, wie Meinhard Schmechel meint. „Wir wollten wieder ein Teil Mecklenburgs werden und ein Exempel statuieren: Rüterberg als Mahnmal gegen die Willkür.“ Das Experiment währte nicht lange. Nach einem Tag waren die Grenzen nach Westen offen, in den Osten kamen die Rüterberger erst drei Tage später ohne Passierschein. Seit 1991 darf sich Rüterberg offiziell Dorfrepublik nennen. An das „Gefängnis Rüterberg“ erinnert heute noch der alte Grenzturm, der aber privat genutzt wird, ein kleines Informationszentrum und ein Heimatmuseum, das einer Rumpelkammer gleicht. Sollte man aus diesem Ort nicht ein Museumsdorf machen? „Mit einem Zaun drumherum?“, fragt Meinhard Schmechel. „Nie wieder!“

Warum in der ehemaligen Grenzregion Mecklenburgs niemand mehr einen hohen Zaun sehen will, versteht man, wenn man das Grenzhus in Schlagsdorf besucht. Anette Heimert-Ladendorf hat dort einen alten Wachturm aufgestellt, den Grenzzaun mit Fahrzeuggraben und der Attrappe von vermintem Todesstreifen und Selbstschussanlage. Sie erklärt: „Wer es an Hunden, Soldaten, Gräben und Stacheldraht vorbei über den Zaun geschafft hat, ist danach oft auf Nagelbretter hinab gesprungen.“ Außerdem gibt es im Grenzhus Informationen über weitere Schikanen im Sperrgebiet wie Zwangsumsiedlungen. Wer dann noch die „soziale Sicherheit“ in der DDR loben kann, hat das menschenverachtende System in diesem Staat nicht verstanden.

Gegen Willkür und Überwachung in der DDR ist auch Alfred Schwarnweber vorgegangen, er war von 1979 bis 2005 Pfarrer in Boizenburg an der Elbe. Gerne erzählt er davon, wie in seiner Kirche vor der Wende Andachten stattfanden, sich die IM der Stasi outeten und die Jugend vom Kirchturm aus in den Westen schaute. Und das, obwohl die Stasizentrale direkt nebenan lag. Das hier war das Ende der Welt.

Und heute? Sind die Dörfer und Städte im Westen Mecklenburgs saniert und bieten ihren Besuchern eine Art von „Hinterlandtourismus“. Ein Kloster hier (in Zarrentin und Rehna), ein Herrenhaus da (in Wedendorf oder am Schaalsee), eine Festung hier (in Dömitz), ein Fliesenmuseum dort (in Boizenburg), dazu viele schöne Stadtkerne aus Backstein und viel Ruhe. Was die ehemalige Grenzregion besonders attraktiv macht: Da sie zu DDR-Zeiten kaum bewohnt wurde, ist hier eine harmonische Kulturlandschaft entstanden, in der seltene Tiere und Pflanzen leben. Die Elblandschaft ist heute ein durchgängiges Biosphärenreservat. Auf dem Deich kann man Radfahren oder Wandern, im Herbst von Zugvögeln begleitet. Wer ganz langsam unterwegs ist, wird vielleicht von der größten wandernden Düne im Binnenland überholt – aber nur vielleicht.

Kirche Kloster Rehna

Auch am Schaalsee und seiner Umgebung soll die Natur genutzt werden, ohne sie zu zerstören. Der Schaalsee ist einer der schönsten Seen Mecklenburgs. Sein Ufer ist zerfurcht, verwinkelt, kaum bebaut und von keiner Stelle aus ganz zu überblicken. Das Wasser ist glasklar, man darf darin baden, rudern und Elektroboot fahren. Man kann durch Moore wandern oder durch dichte Wälder, vorbei an Rapsfeldern und kleinen Dörfern. Kein Wunder also, dass Friedrich Gottlieb Klopstock gut 200 Jahre vor all den politischen Wirren über den Schaalsee dichtete: „Insel der froheren Einsamkeit / geliebte Gespielin des Widerhalls / und des Sees, welcher itzt breit, dann versteckt / wie ein Strom, rauscht an des Walds Hügeln umher.“

Mehr Informationen:

Grenzhus Schlagsdorf, http://www.grenzhus.de, Tel. 038875/20326, geöffnet täglich 10 bis 16.30 Uhr, am Wochenende bis 18 Uhr. Die Biosphärenreservate online: http://www.elbetal-mv.de, http://www.schaalsee.de. Das Paalhus in Zarrentin am Schaalsee informiert multimedial über den Naturraum, geöffnet von März bis Anfang November dienstags bis sonntags.

Sehenswürdigkeiten:

Kloster Rehna, geöffnet von 10 bis 17, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr, http://www.kloster-rehna.de, Tel. 038872/52765. Kloster Zarrentin am Schaalsee, geöffnet Di. bis So. nachmittags, http://www.kloster-zarrentin.de, Tel. 038851/8380. Landgestüt Redefin mit Park und Möglichkeit zum Reiturlaub, http://www.landgestuet-redefin.de, Tel. 038854/6200. Barockstadt Ludwigslust mit Schloss, Schlossgarten und Altstadt, http://www.stadt-ludwigslust.de, Tel. 03874/526251. Boizenburg an der Elbe mit dem Ersten Deutschen Fliesenmuseum, http://www.boizenburg.de, Tel. 038847/55519. Festung Dömitz, http://www.festung-doemitz.de, Tel. 038758/22401.

Unterkunft:

Schloss Wedendorf: weitläufiger Park, schöne Zimmer, toller Service, hervorragende Küche, http://www.schloss-wedendorf.de, Tel. 038872/6770. Hotel Dömitzer Hafen: Panoramablick über die Elbe und Event-Gastronomie, http://www.doemitzer-hafen.de, Tel. 038758 / 364290. Fischhaus am Schaalsee: schöne Zimmer, freundlicher Service, gute Küche, http://www.fischhaus-schaalsee.de, Tel. 038851/55990. Landhaus Elbufer: barrierefrei Urlaub machen, http://www.landhaus-elbufer.de, Tel. 038841/6140.

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