Der lange Schatten eines Nazi-Films (PNP vom 19.10.2010)

Moeller (F.:Gregor Baron)

 

Ein heißes Eisen hat Regisseur Felix Moeller da angepackt: Ein Film über Veit Harlan. Der Mann, der 1940 mit „Jud Süß“ gegen das Judentum hetzte und damit noch immer seine Nachkommen beschäftigt.

„Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ ist am Donnerstag, 21. Oktober, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing zu sehen. Felix Moeller stellt seine ergreifende Dokumentation dann persönlich vor. Mit der Passauer Neuen Presse hat er bereits gesprochen.

Herr Moeller, Sie haben sich nicht nur mit Veit Harlan beschäftigt, sondern auch mit Joseph Goebbels, Marlene Dietrich und Hildegard Knef. Warum Biographien – und nicht beispielsweise Natur- oder Spielfilme?

Moeller: Ich bin von Haus aus Historiker. Da ist es für mich natürlich unheimlich interessant, mit der Zeitgeschichte persönliche Biographien zu verbinden – oder womöglich Biographien ganzer Generationen. Man geht von einer Person aus und fächert anhand dieser und der ganzen Familie den Lauf der Geschichte auf.

Im Bezug auf die Künstler im Dritten Reich haben Sie einmal von der „Mephisto-Problematik“ gesprochen: eine Mischung aus Verführung, Opportunismus, Feigheit und ein wenig Überzeugung im Umgang mit den Mächtigen. Gilt das auch für Veit Harlan? Was war an ihm so besonders?

Moeller: Die Forschung favorisiert Leni Riefenstahl als zugkräftige Regisseurin mit Ihren ästhetischen Werken. Veit Harlan aber war für das Nazi-Regime viel wichtiger. Reduziert wird er auf „Jud Süß“, aber er hat viel mehr nationalen Kitsch und Blut-und-Boden-Filme produziert. Durch seinen romantisierenden Filmstil sind diese Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg schnell in Vergessenheit geraten. Dabei war Harlan eine schillernde Persönlichkeit. Teilweise hat er so eng mit Joseph Goebbels zusammengearbeitet, dass er dem Propagandaminister sogar offen widersprechen konnte.

Ihre Dokumentation, die Sie in Bad Füssing vorstellen, trägt den Namen „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“. Gibt es diesen Schatten auch noch im Jahr 2010? Und wen bedeckt er?

Moeller: Es gibt diesen Schatten tatsächlich noch. Denn Harlans Film „Jud Süß“ und sein ganzes Werk wirkt als Mythos noch immer. Der Schatten bedeckt vor allem die Kinder Harlans, seine Enkel können aus ihm hinaustreten und freier leben. Denn inzwischen hat sich unser Bezug zum Namen „Harlan“ gedreht: Er sorgt für Neugier, und nicht mehr für Vergötterung oder Abscheu.

Gehen Veit Harlans Kinder anders mit dem schwierigen Familienerbe um als seine Enkel?

Moeller: Natürlich. In den Nachkriegsjahren waren die Kinder ja direkt mit dem Vater konfrontiert. Thomas Harlan beispielsweise arbeitet als Autor und Regisseur und hat immer wieder die Frage gestellt: Welche Rolle hat mein Vater im Dritten Reich gespielt? Er hat sich dann auch deutlich von ihm distanziert. Die dritte Harlan-Generation kennt den Großvater kaum persönlich. Sie sehen, wie ihre Eltern unter dem Erbe der Familie gelitten haben und immer noch leiden – und reagieren unterschiedlich: Für die einen ist zum Dritten Reich schon alles gesagt, die anderen stellen weiter Fragen.

In Ihrer Dokumentation gibt es Einzelgespräche mit den Mitgliedern der Familie Harlan, aber kein gemeinsames. Warum?

Moeller: Die Familie ist sehr fragmentiert, es herrscht keine gute Kommunikation und es gibt teilweise keinen direkten Kontakt. Die dritte Generation habe ich zu einem gemeinsamen Museumsbesuch in Stuttgart zusammen gebracht – sie haben sich dort zum ersten Mal alle gemeinsam getroffen. Diese ersten Gespräche habe ich aber nicht mit der Kamera begleitet, das war auch nicht meine Absicht. Intensivere Ergebnisse bekomme ich, wenn ich mit den Personen alleine sprechen kann.

„Jud Süß“ ist vor genau 70 Jahren in die Kinos gekommen. Es ist zwar ein ungeheuerlicher antisemitischer Propagandafilm – aber sollte man ihn sich nicht langsam selbst wieder ansehen können, und nicht nur Filme über diesen Film?

Moeller: Es gibt sicherlich in Deutschland 100 Mal im Jahr die Möglichkeit, „Jud Süß“ anzusehen – in Begleitung von Historikern, die über den Film, seine Entstehung und seine Folgen informieren und mit den Zuschauern diskutieren. Das finde ich eine sehr gute Möglichkeit, um an die Nazi-Propaganda heranzuführen. „Jud Süß“ im Fernsehen halte ich für keine gute Idee. Das ist ein falsches Signal an die letzten Überlebenden des Holocaust. Den Film aber ganz unter Verschluss zu halten, würde ihn nur noch mehr zum Mythos machen. Eine kritische Edition auf DVD wäre ein guter Mittelweg.

Auf der diesjährigen Berlinale wurde der aktuelle Spielfilm „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ wegen angeblicher Geschichtsverfälschung ausgebuht. Wie stehen Sie zu diesem Projekt? Und wie sehr darf man Kunst und Politik trennen, wenn es um das Dritte Reich geht?

Moeller: Ich warne davor, aus Spielfilmen ein historisches Gewissen entnehmen zu wollen. Man kann sich ja nicht „Der Untergang“ ansehen und weiß dann alles über Hitler. Ein Dokumentarfilm wie meiner soll zeigen, was ist oder was war. Für einen Spielfilm genügt es aber, eine übergeordnete Wahrheit oder die richtige Stimmung zu transportieren – und nicht die Realität in Eins zu Eins. Zu „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ kann ich nur sagen: Die Kritiken werden dem Film nicht gerecht. Ich habe Einiges darin erkannt, was ich selbst in meiner Forschung herausgefunden habe. Moritz Bleibtreu zum Beispiel spielt den Goebbels von 1940 sehr gut: Ein jovialer, kumpelhafter, machtbewusster Kerl – und eben nicht der Goebbels, der fünf Jahre später seine Kinder umbringt.

Zum Projekt „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“

1940 erschien mit „Jud Süß“ ein von den Nazis in Auftrag gegebenes Propagandawerk – es ist der Hetzfilm gegen Menschen jüdischen Glaubens. Regisseur Veit Harlan wurde nach dem Untergang des Dritten Reiches zwar vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Regisseur Felix Moeller ist ein ausgewiesener Experte für das Kino des Dritten Reichs. Mit Filmausschnitten und Interviews zeichnet er ein genaues Bild von Leben und Werk Veit Harlans – und beobachtet dessen Familie, die geradezu erleichtert scheint, sich alles von der Seele reden zu können. „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ ist ein einfühlsames Familienportrait, das von Verarbeitung und Verdrängung, von Abrechnung und Distanz erzählt.

Filmreihe zu Jud Süß

In der Filmgalerie Bad Füssing läuft eine Reihe zum bekanntesten Propagandafilm des Dritten Reichs. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Kino- und Filmkultur und der Friedrich-Murnau-Stiftung läuft der Originalfilm „Jud Süß“ am Mittwoch, 20. Oktober, um 19.30 Uhr. Mit dabei ist ein Fachreferent, der mit den Zuschauern diskutieren und den Film analysieren wird. Am Donnerstag, 21. Oktober, um 19.30 Uhr kommt Felix Moeller in die Filmgalerie, um seine Dokumentation „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ vorzustellen (siehe Interview). Der aktuelle Spielfilm „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, läuft bereits täglich in der Filmgalerie.

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