In Belgrad wird die Nacht zum Tag (PNP vom 18.09.2010)

Krisenherd war gestern. Heute ist Belgrad die angesagteste Stadt auf dem Balkan. Außer tollen Sehenswürdigkeiten bietet die Metropole am Zusammenfluss von Save und Donau preiswerte Unterkünfte, Mode, Design und ein ausschweifendes Nachtleben. Zu Recht sagt ein serbisches Bonmot: Hier verbringt man seine besten Tage bei Nacht.

Kurz nach Sonnenaufgang habe ich genug. Seit drei Tagen eile ich durch die Hitze Belgrads, esse und trinke zu gut und zu viel und habe in dieser Nacht mehr als genug getanzt. Diese Stadt raubt mir den Schlaf. Im Taxi zurück ins Hotel schlummere ich vor mich hin und denke nach über diese denkwürdige Stadt.

Belgrad –878 erstmals als „Beli grad“ (weiße Stadt) erwähnt – ist der politische, wirtschaftliche und kulturelle Mittelpunkt Serbiens und seit 1404 dessen Hauptstadt. Bei einer Bootsfahrt über Donau und Save hat man den besten Blick auf die Stadt und all ihre schönen Bauwerke: Die alte Kathedrale St. Markus, die Festung Kalemegdan, das Museum der modernen Kunst und nicht zuletzt die Ada Ciganlija. Hier, im größten Freizeitgebiet der Stadt, tummeln sich an Wochenenden bis zu 200.000 Personen.

Vom Restaurant zum Live-Musik-Tempel

ier tanzt Belgrad, bis der Morgen graut. Die Boote auf Donau und Save bieten Tanzflächen für mehrere Tausend Nachtschwärmer.Ähnlich viele Nachtschwärmer ziehen durch Belgrads Bars und Clubs. Sie essen, trinken und tanzen in Hinterhöfen, an schicken Bars, in dunklen Kellern, unter freiem Himmel und in überdimensionierten Hausbooten, die auf Donau und Save schwimmen. Aber auch kleinere Locations wie das Basta! Basta! Basta! mit seiner weiß glänzenden Bar oder das Bitef Art Café in der Festung können mit den großen Booten gut mithalten. Denn hier gibt es, wie an vielen anderen Orten der Stadt auch, Live-Musik. Überall kann es vorkommen, das binnen weniger Minuten aus einem ganz normalen Restaurant ein Musiktempel wird. Dann tanzen Hausfrauen, Rentner und todschicke Hipster Seit an Seit zu traditionellen Balkan-Rhythmen auf dem Tisch. Wer da nicht mitmacht, ist selbst schuld.

Die bunt gemischte Belgrader Szene entstand bereits im 19. Jahrhundert – natürlich in ganz anderer Form. Kaffeehäuser und Tanzlokale in öffentlicher Hand, die sogenannten Kafanas, gab es in jeder Ecke. Nach Wiener und Budapester Vorbild haben dort die ihr Leben verbracht, die sich für etwas Besonderes hielten. Zwar sind in den vergangenen Jahren die Filialen der großen Restaurant- und Kaffee-Ketten auch in Belgrad wie Pilze aus dem Boden geschossen. Doch die Kafanas haben sich behauptet. Noch heute reihen sich im alten Bohème-Viertel Skadarlija gemütliche alte Lokale an coole Szenetreffs. Wer also wie ein echter Serbe essen möchte, der setze sich in den Garten des Restaurants „?“ und bestelle dort Unmengen Fleisch und das serbische Nationalgetränk, den Obstbrand Rakia.

Politik passt nicht zur Party

Die Kathedrale der Heiligen Sava ist ein Wahrzeichen Belgrads. Nachtschwärmer sehen sie wohl nur aus der Entfernung. Doch das ist nicht weiter schlimm: Seit 70 Jahren wird an dem Bauwerk gebaut, innen ist sie noch immer nicht fertig gestellt.Mit gut gefülltem Magen und gelockerter Zunge kommt man mit den Belgradern gut ins Gespräch. Sie sind offen, freundlich, interessiert und die Jungen sprechen meist exzellent englisch. Nur über Politik sollte man nichtunbedingt sprechen. Serbien ist zerrissen, die Arbeitslosigkeit unfassbar hoch, das Vertrauen in den eigenen Staat denkbar beschränkt. Warum, sieht jeder Tourist. Seit sechs Jahren ist beispielsweise das Nationalmuseum geschlossen, weil die Renovierung wegen Geldmangels nicht vorangeht. Die zerbombten Regierungsgebäude aus den Balkankriegen stehen noch wie Mahnmale an den großen Straßen.

Dementsprechend steckt der Tourismus in ganz Serbien noch in den Kinderschuhen. Nur gut 700.000 Gäste zieht es pro Jahr dorthin, da hat selbst das Passauer Land mehr Zulauf. Doch weil mehr als die Hälfte der Reisenden nach Belgrad kommen, sind hier einige neue Hotels entstanden. Für Rucksacktouristen und Partymacher sind die kleinen Hostels, 70 an der Zahl mit gut 1100 Betten, die ideale Unterkunft. Vom Schlafsaal bis zu süß eingerichteten Doppelzimmern ist hier alles zu haben.

BIU: Der Supermarket ist ein Shoppingparadies. Hier findet man alles. Nur nicht das, was man wirklich braucht.Haute Couture aus Serbien

Alles zu haben – das trifft auch auf die Belgrader Modeszene zu. Denn wer feiert, macht sich schick. In der Fußgängerzone Knez Mihailova finden sich die großen Modeketten inmitten denkmalgeschützter Gebäude der 1880er-Jahre. Wahre Schnäppchen findet man eher in den Vororten oder im Universitätsviertel. Ein besonderer Anlaufpunkt ist der Supermarket. Dort gibt es „fashion food spa flowers art design“. Der Supermarket ist ein Laden für allerlei Krimskrams, den man nicht braucht, der aber schick aussieht: Designer-Schlabberlätzchen, wiederverwertetes Porzellan, Bildbände, dazu kommt ein Restaurant mit der längsten Bar Belgrads und einDesigner wie Jelena Malesevic bereichern die Mode-Szene Belgrads.Wellness-Bereich. Außerdem verkaufen hier namhafte Designer wie Jelena Malesevic ihre Kreationen. Goldene Schuhe, Lederkorsagen und Abendkleider ihres Labels Morfium werden in Mailand und Paris als haute couture gehandelt. Produziert wird aber in Serbien. „Warum soll ich das denn in China tun, wenn ich das auch zuhause machen kann?“, fragt die weltgewandte Modeschöpferin. Und wer sich traut, ihre gewagten Kleidungsstücke direkt in Belgrad zu kaufen, macht damit ein großes Schnäppchen: in Paris kosten ihre Kreationen bis zu 1000 Euro mehr.

INFO

Anreise: Lufthansa fliegt von Frankfurt und München, Jat Airways von Frankfurt. EU-Angehörige reisen mit Reisepass ein und können sich ohne Visum 90 Tage in Serbien aufhalten.

Währung: 100 Dinar ca. 1 Euro.

Schlafen: Crystal Hotel: 9 Internacionalnih Brigada, http://www.crystalhotel.rs, Doppelzimmer ab 80 Euro. Hostelche, eines von drei europäischen Hostels mit Publikumspreis: Kralja Petra Street 8, http://www.hostelchehostel.com, in der Hauptsaison 20 Euro fürs Bett im Doppelzimmer, 15 Euro im 6er-Schlafsaal. Hostel 360°, hoch über der Fußgängerzone Kneza Mihaila: http://www.hostel360.com, Doppelzimmer 50 Euro, dafür sind Internet, Küche, Kaffe, Tee und Waschmaschine inklusive. Floating Hostel: Schlafen auf dem Hausboot von 15 bis 60 Euro pro Nacht, http://www.arkabarka.net.

Begleitung: Die „Greeters“ sind eine sehr gute Möglichkeit, die Stadt kennenzulernen. Man zieht mit Einheimischen los. Im Internet unter belgradegreeters.rs.

Mehr Infos: http://www.serbia.travel mit vielen Angeboten zu Aktivurlaub, Weinstraßen, Donauflussfahrten, Klöstern, Unterkünften und Spaziergängen in Belgrad. Sehr empfehlenswert für die junge Generation: Die Broschüre „Cool! Belgrade“.

Fotos: Haas

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