Die Hummel: Besonders sehenswert (PNP vom 31.8.2010)

Der Abend in der voll besetzten Filmgalerie Bad Füssing begann mit einer Überraschung für die Zuschauer: Um den Film „Die Hummel“ vorzustellen war nicht nur Hauptdarsteller Jürgen Tonkel erschienen, sondern auch Regisseur Sebastian Stern und Schauspieler Martin Wenzl. Gleich drei Beteiligte konnten also zu der Tragikomödie befragt werden. Das Publikum nahm die Gelegenheit dankend an. Schließlich waren sie allesamt begeistert von dieser charmanten Geschichte über einen notorischen Notlügner.

Dieser Mann ist am Ende: Pit Handlos (gespielt von Jürgen Tonkel) ist Vertreter für Schönheitsprodukte. Nach außen hin ist er erfolgreich und eloquent. Einer, bei dem im Leben und im Job alles rund läuft. Doch in Wirklichkeit steht er vor dem Ruin. Wenn es an der Tür klingelt, schaltet er das Licht in seiner Wohnung aus und duckt sich weg. Schließlich kommt der Gerichtsvollzieher. Pit muss bei seinem Sohn einziehen und verstrickt sich in Unwahrheiten. In seiner Not versucht er, alte Freundinnen aus seiner Heimatstadt Deggendorf als Vertreterinnen für seine Produkte zu rekrutieren – und nutzt dabei immer die gleiche Masche. Ein überraschender Anruf („Ich bin heut’ am Festplatz vorbeigefahren…“), eine Flasche Rotwein, und irgendwann wird der Vertreter-Koffer aufgelegt.

Das Regiedebüt des Viechtachers Sebastian Stern ist eine Komödie, die nachdenklich macht, melancholisch ist. Doch Stern und seine Darsteller schaffen es, die Zuschauer tief in die Seelenwelt von Charakteren hineinschauen zu lassen, die wenig erfolgreich sind und sich irgendwie durchs Leben schlagen. Das macht „Die Hummel“ so sehenswert. Da wird geschwiegen, gestottert, gelogen, eine Augenbraue hochgezogen, an den falschen Stellen gelacht, verstörende und entsetzte Blicke ausgetauscht. So bekommt diese Geschichte einen ungeahnten Drive, wird niemals langweilig – und zeigt, dass man auch mit ganz viel unausgesprochenen Sätzen wirklich gutes Kino machen kann.

Und man kann nicht nur mit Schweigen gutes Kino machen, sondern auch mit wenig Geld: Nur 400.000 Euro hat die Produktion von „Die Hummel“ gekostet. „Für eine Abschlussarbeit an der Hochschule viel Geld, für eine Kinoproduktion aber nicht“, wie Regisseur Sebastian Stern im Anschluss an die Vorführung erklärte. Stern, Hauptdarsteller Jürgen Tonkel und der Vornbacher Martin Wenzl zeigten sich als eingespieltes, gut gelauntes Trio und beantworteten die Fragen der Gäste eine gute Dreiviertelstunde lang. In Deggendorf hat man zum Beispiel gedreht, weil der Regisseur nicht nur in der Nähe aufgewachsen ist, sondern die Stadt auch für klein genug hält, dass sich die Figuren im Film ständig über den Weg laufen können. „Außerdem gibt es dort genug Ecken, die nicht ganz so schön sind und somit zur Stimmung des Films beitragen“, gab Sebastian Stern unter dem Gelächter der Zuschauer zu.

Die Dreharbeiten fanden übrigens im Herbst 2009 statt. Und das, obwohl der Film im Frühling spielt. Jürgen Tonkel verriet: „Dass es Herbst war und während des Drehs Schnee fiel, bemerkt man als Zuschauer nicht. Und warum? Weil der Regisseur selbst alle bunten Blätter von den Bäumen gerissen hat, und weil wir, sobald die Kamera aus war, sofort aus unseren T-Shirts in Daunenjacken geschlupft sind. Denn es hatte teilweise nur drei Grad, und geschneit hat’s auch.“

Besonders angetan waren die Zuschauer in Bad Füssing von den vielen Falltüren in diesem Film und den beinahe schon schmerzenden Widersprüchen der Charaktere. Schließlich ist es gerade ein Vertreter für Schönheitsprodukte, der mit seinen Lügengeschichten versucht, seine schlimme Situation zu überschminken. Mehr als nur einmal bleibt das Lachen im Halse stecken, weil auf den ersten Blick lustige Szenen dann eher komisch, traurig wirken. So schafft es „Die Hummel“, die Tür aufzusperren für die wahren Probleme der Charaktere und für wichtige Fragen wie: Bin ich ehrlich zu mir selbst und zu anderen? Kein Wunder also, dass Sebastian Stern für seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in München die Note Eins erhielt.

Im Kinosaal der Filmgalerie Bad Füssing: v.l. Christian Mitzam, Eva Tonkel, Martin Wenzl, Sebastian Stern, Karin Mitzam, Jürgen Tonkel. (Foto: Haas)

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