Die Hummel in Bad Füssing (PNP vom 26.8.2010)

Eine Hummel fliegt durch Bad Füssing. Zu sehen ist sie am Sonntag, 29. August, um 19.30 Uhr in der Filmgalerie und gespielt wird sie von Jürgen Tonkel. Der bekannte Schauspieler stellt dann seinen neuen Film persönlich vor – mit der Passauer Neuen Presse hat er sich schon zuvor über Lügengeschichten, Bayern und die Besonderheit des deutschen Kinofilms unterhalten.

Lieber Jürgen Tonkel, was ist eigentlich eine Hummel?

Tonkel: Überall gibt es Personen, zwar nicht richtig fliegen können, aber irgendwie doch durchs Leben kommen. Die Hummel ist das Symbol dafür. Einen Film kann man daraus machen, weil hinter dieser Problematik sehr vielschichtige Figuren und Motive stecken – irgendwie geht es doch jedem so.

Was ist so besonders an dieser Normalität? Wie wird sie in „Die Hummel“ inszeniert?

Tonkel: Die Feinheit, mit der die Geschichte erzählt wird, macht sie so besonders. Das Wichtigste ist, dass die handelnden Personen erkennen, dass ihr Leben auf Lügen und Schwindeleien aufgebaut ist. Der Vertreter Pit, den ich spiele, ist in einem Teufelskreis gefangen. Um seine Kosmetik zu verkaufen, muss er sich erfolgreich und souverän darstellen, dabei ist er es schon lange nicht mehr.

Es geht ums Scheitern und um Leute, die nicht aus ihrer Haut hinaus können. Warum soll man sich so etwas anschauen?

Tonkel: „Die Hummel“ ist eine wunderschöne Geschichte auf dem bayrischen Land, voller melancholischer Tragik und komischer Situationen. Große Schenkelklopfer gibt es zwar nicht, doch die Zuschauer können sich hineinfallen lassen und werden gut und anspruchsvoll unterhalten.

Macht das den Kleinen Deutschen Film der heutigen Zeit aus: Eine feine Inszenierung, Überbrückung der Genre-Grenzen, Schluss mit dem Schubladendenken?

Tonkel: Schon. Die international erfolgreichen deutschen Filme – Keinohrhasen, die Otto-Filme, Schuh des Manitu und Konsorten – arbeiten mit ähnlichen Motiven wie die Blockbuster in Hollywood. Die Arthouse-Nische, der Kleine Deutsche Film, setzt sich jedoch davon ab: Man inszeniert vertraute Inhalte mit wenig finanziellen Mitteln und großes Drumherum. Ich hoffe, dass sich diese Werke lange halten können und noch präsenter werden. Denn sie können dem deutschen Film eine eigene Identität geben.

„Die Hummel“ ist das Kinodebüt des Regisseurs Sebastian Stern. Für wen ist die Arbeit an einem Erstlingswerk spannender: für den jungen Hüpfer oder den alten Hasen?

Tonkel: Für beide Seiten ist das sehr spannend. Für Sebastian Stern war es natürlich eine große Bereicherung, dass er erstmals mit Schauspielern arbeiten konnte, die ihm viel Material und Erfahrung geboten haben. Für mich war es interessant zu sehen, wie dieser junge, talentierte Regisseur an ein solches Projekt herangeht. Wir haben hierzulande überhaupt eine sehr gute Debütfilm-Kultur. Die Erstlingswerke werden noch frei von dem Druck produziert, es allen Recht machen zu müssen. So können außergewöhnliche Filme entstehen.

Aufgewachsen sind Sie am Starnberger See, gedreht wurde „Die Hummel“ in Deggendorf. Geht das überhaupt, als Oberbayer einen Niederbayern zu spielen?

Tonkel: Natürlich geht das. Die Niederbayern sind uns ja deutlich näher als zum Beispiel die Österreicher. Aber mal im Ernst: Wir wollten keinen Heimatfilm machen und haben deshalb nicht so viel Wert auf Dialekt gelegt. Der Film spielt zwar in Deggendorf. Doch wir wollten das sprachlich auf einer Zwischenebene halten mit nur leichten Einfärbungen, so dass es eigentlich in jeder Kleinstadt hätte spielen können. Das ist ja auch die Realität: Richtig bayrisch sprechen doch nur noch die Alten. Wenn ich mir meine Kinder oder die meiner Freunde anschaue…die sprechen doch kaum noch bayrisch, und mit jedem Kilometer näher an München wird das weniger.

Sie kommen vom Dreh in die Filmgalerie nach Bad Füssing. Worum geht es bei Ihrem aktuellen Projekt?

Tonkel: Es geht um „Den ganz großen Traum des Konrad Koch“ – dieser Lehrer hat 1874 das erste Fußballspiel in Deutschland organisiert. Die Hauptrolle spielt Daniel Brühl. Und ich spiele einen Lehrer, der total gegen diese Fußlümmelei ist. Ich bin sonst ein großer Fan des runden Leders. Nun mal einen Fußballgegner zu spielen ist aber nicht schlimm, dafür bin ich Schauspieler geworden. Und: Die Bösewichte sind ja immer die schönsten Rollen.

Zu Film und Schauspieler

Jürgen Tonkel spielt Pit Handlos, einen Vertreter für Schönheitsprodukte. Nach außen hin ist er erfolgreich und eloquent. Einer, bei dem im Leben und im Job alles rund läuft. Doch in Wirklichkeit steht er vor dem Ruin: Die Mahnungen quellen aus dem Briefkasten, er verliert seine Wohnung, muss bei seinem Sohn einziehen und verstrickt sich in Unwahrheiten. In seiner Not versucht er, alte Freundinnen aus seiner Jugend als Vertreterinnen für seine Produkte zu rekrutieren. Jürgen Tonkel, geboren 1962, ist am Starnberger See aufgewachsen – seine Karriere als Schauspieler aber begann mit Seminaren in New York und Los Angeles. Seit 1985 steht er in München auf der Theaterbühne, seit 2005 auch im Berliner Theater am Kurfürstendamm zusammen mit Christoph Maria Herbst, Bastian Pastewka und Michael Kessler in dem Erfolgsstück Männerhort. Tonkel ist bekannt durch unzählige Filmrollen, unter anderem in Brandner Kaspar, Räuber Kneissl, Der Untergang, Wer früher stirbt ist länger tot, Grenzverkehr oder Fickende Fische. Im Fernsehen tritt Tonkel vor allem in Episoden aus den Reihen Tatort, Bella Block, SOKO, Café Meineid oder Die Rosenheim Cops auf.

Quelle: http://www.pnp.de/lokales/artikel.php?cid=29-29242317&Ressort=ge&Ausgabe=ge&RessLang=poc&BNR=0

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