Orte der Entbehrung (Das Parlament vom 9.8.2010)

Wüste (Quelle: Wikimedia Commons/Joadl)Wüste in der Literatur sagt mehr über Betrachter als über sich selbst

Die Bibel war lange die wichtigste Quelle für das Verstehen der Wüste als Ort des Todes. Sie ist heiß, lebensfeindlich und erbarmungslos. Ihre Funktion in der Bibel hat aber nur indirekt mit dem Sterben zu tun, erklärt der Passauer Theologe Anton Cuffari: „Durch bewusste spirituelle Erfahrungen in der Wüste – wie Schweigen oder Fasten – erfährt man, was lebensnotwendig ist. Die Liebe zu den falschen, äußerlichen Dingen stirbt ab. So erging es Paulus nach seinem Erlebnis in Damaskus, Jesus nach seiner Taufe, Mose und dem Volk Israel beim Auszug aus Ägypten.“Im letzten Fall dient die Wüste der Erziehung eines ganzen Volkes. Gott bietet Schutz vor Hunger, Katastrophen und Verfolgern. Doch das Gelobte Land erreichen die Israeliten erst, nachdem alle Bewährungsproben bestanden sind.

Auch griechische und römische Krieger bewährten sich auf ihren Feldzügen durch die Wüste. Geschichtsschreiber wie Herodot, Diodor oder Lucan zeigten in ihren Berichten auch den Lebensraum Nordafrika – in Lucans Pharsalia eine übermächtige Un-Natur. „Im Erdreich dort steckt keine Spur von Jupiters Fürsorge. Die Natur ist müßig, und so bleibt die Zone ausgestorben, den Sand bewegt kein Pflug, so merkt die Natur nichts von Jahreszeiten. Es gab keine Ruhe, nicht am hellen Tag und nicht in finsterer Nacht, da die Unglückseligen der Erde, wo sie lagerten, misstrauen mussten.“

Solche Beschreibungen wurden im Mittelalter von Historikern und Geographen stetig wiederholt, das Wissen nur durch Abschreiben aus Büchern der Antike vermittelt. Kurz hinter der Mittelmeerküste begann daher die Terra incognita, wo wilde Tiere, Mörder und Diebe hausen, Stürme und Feuerregen toben, Hunger und Durst herrschen. So schrieb Dietrich von Schachten 1491 über die Wüstenbewohner: „Sie essen rohes ungesotten Fleisch, wie das Vieh, und weiß niemand, was ihr Glaub ist, haben kein Gesetz und geben nichts auf ihren Herrn. Und wie arm und elend sie sind, verzweifelt und böser Art, schonen keines Menschen, böser denn Türken.“

Dieses Bild änderte sich erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, als Arabien und Nordafrika erstmals durch europäische Wissenschaftler wie Carsten Niebuhr erforscht wurden. In seiner Beschreibung von Arabien (1772) bemerkt er: „Andere europäische Reisende wollen die Araber als Heuchler, Betrüger, Räuber gefunden haben. Ich habe aber keine Ursache mich hierüber zu beschweren und kann nicht aus der schlechten Aufführung einiger Personen auf Gesinnung der ganzen Nation schließen.“

Einer, der Wüstenklischees nie in Frage gestellt und sie in den Köpfen von Millionen Lesern festgesetzt hat, ist Karl May. Er schrieb Abenteuerromane, die in der Wüste spielen, und hatte nie eine gesehen. Daher ist sie der Ort des Abenteuers, wo das Recht des Stärkeren gilt und das Kamel der treueste Begleiter ist. Ferdinand Freiligrath dichtete ähnlich volkstümlich in Wär’ ich im Bann von Mekkas Toren (1838): „O Land der Zelte, der Geschosse! O Volk der Wüste, kühn und schlicht! / Beduin, du selbst auf deinem Rosse bist ein phantastisches Gedicht! / Ich irr’ auf mitternächt’ger Küste; der Norden, ach! Ist kalt und klug. / Ich wollt’, ich säng’ im Sand der Wüste, gelehnt an eines Hengstes Bug.“

Heldentum und Wüstenromantik weichen bei Thomas Lawrence der Desillusionierung. In Die sieben Säulen der Weisheit (1926) beschreibt er das qualvolle Leben „in der nackten Wüste unter einem mitleidlosen Himmel. Tagsüber brachte die brennende Sonne unser Blut in Gärung und der peitschende Wind verwirrte unsere Sinne. Des Nachts durchnässte uns der Tau, und das Schweigen unzähliger Sterne ließ uns erschauernd unsere Winzigkeit fühlen.“

Auch in die Philosophie erhielt die Wüste Einzug. In Werken wie Also sprach Zarathustra stellte Friedrich Nietzsche das dumpfe, dekadente Denken in Europa dem klaren Denken in der Askese der Wüste entgegen. Um die Wüste in uns allen geht es in Antoine de Saint-Exupérys bekanntestem Werk, wo der Kleine Prinz in so charmanten, einfachen wie wahren Worten spricht: „Man ist ein bisschen einsam in der Wüste…“ Die Antwort der Schlange: „Man ist auch bei den Menschen einsam.“ Doch es zeigt sich auch die große Liebe zu Wüste und Einsamkeit: „Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.“

Sehr still in Bezug auf die Wüste sind zeitgenössische afrikanische Literaten. Das bestätigt Rita Wöbcke vom Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg: „Da ist mein Leben bedroht, da will ich schnell wieder hinaus. In der Wüste Schönheit zu sehen ist ein Luxus, den sich nur Romantiker oder Fotografen leisten.“ Ansonsten lauern Strafe und Vernichtung. Die kommt in Form des „weißen Mannes aus der Wüste“ im mythischen Geschichtswerk 2000 Seasons des Ghanaers Ayi Kwei Arman. In seinem Roman Why are we so blest? ereignen sich hier Folterszenen. Die Südafrikaner Alex La Guma und Athol Fugard beschreiben, wie Schwarze im Zuge der Apartheid in die Wüste abgeschoben werden.

Der aktuelle Roman Hydromania des israelischen Schriftstellers Assaf Gavron spielt im Israel des Jahres 2067: China, Japan und die Ukraine kontrollieren Wasservorräte und Regenfälle. Das Trinkwasser ist knapp, die Menschen haben Angst vorm Schwitzen, Trinken ist Luxus. „9,3 Liter. Das ist alles, was ihr geblieben ist. Sie trinkt langsam, Schluck für Schluck. Es gelingt ihr, jedes Mal mit weniger Schmerz zu schlucken, indem sie die Flüssigkeit im Mundraum behält, alle Ecken und die Zwischenräume der Zähne befeuchtet, bevor sie das dünne Rinnsaal die Kehle hinunterlaufen lässt.“ Zumindest Ibrahim al-Koni gewinnt dem Leben in der Wüste Positives ab. Der Tuareg überliefert die Tradition seines Nomadenvolkes, schreibt über Agonie, Wüstengold Wasser und schmerzhafte Schönheit. Ein Satz aus seinem wunderbaren Werk macht sein Bild der Sahara deutlich: „Die Wüste ist das Erwachen der Seele.“

Von Erwachen ist in Wolfgang Hildesheimers Erzählung Masante keine Spur, „kein Geräusch, keine Ankündigung. Die Wüste ist neutral. Sie trägt keine Verantwortung, lädt nicht ein, warnt nicht, droht nicht, aber sie wartet.“ Die Europäer messen der Wüste keine Bedeutung bei – heute wie damals. Der Romancier Gustav Flaubert zum Beispiel schrieb über die Wüste. Er stand ein Mal in seinem Leben auf der Cheopspyramide. Und war unfassbar gelangweilt. Denn rundherum sah er: Nichts. Die Wüste sagt eben mehr über den Betrachter aus als über sich selbst.

Quelle: http://www.das-parlament.de/2010/32_33/Themenausgabe/30783635/309166

Advertisements