Jeder hat seine Cindy (PNP vom 17.07.2010)

Einen intensiven Abend erlebten die Gäste im voll besetzten Saal „Kahlo“ der Filmgalerie Bad Füssing. Regisseurin Hannah Schweier und Hauptdarstellerin Anne Schäfer stellten am Donnerstagabend ihren Film „Cindy liebt mich nicht“ vor. Es war der Abschluss ihrer Kinotour durch ganz Deutschland.

Anne Schäfer und Hannah Schweier vor der Filmgalerie Bad Füssing

Anne Schäfer und Hannah Schweier vor der Filmgalerie Bad Füssing (Foto: Haas)

Zwar hat Hannah Schweier in den vergangenen Monaten schon mit Zuschauern in Mannheim, Berlin oder Traunstein diskutiert. Doch selbst vor gut 70 Personen in der Filmgalerie war sie noch aufgeregt, denn: „Sie sind kein Fachpublikum, Sie haben sich eine Karte für diesen Film gekauft, und genau dafür habe ich die letzten Jahre gearbeitet.“

Der Rahmen für diesen Film lässt sich kurz zusammenfassen: Zwei Männer um die 30, der Barkeeper Franz und der angehende Staatsanwalt David sind in eine Liebesgeschichte mit derselben jungen Frau verwickelt, ohne von einander zu wissen. Maria (gespielt von Anne Schäfer) gibt jedem genau das, was er zu brauchen scheint, und lebt doch ganz in ihrer eigenen Welt. Erst als Maria verschwindet, treffen die beiden ungleichen Männer, die sich für ihren Freund halten, aufeinander. In einem alten VW machen sie sich auf die Suche nach Maria.

Viel komplizierter ist es, diesen Film zu interpretieren. „So eine krasse Geschichte, ich versteh das alles nicht“, sagt Rechtsreferendar David, der völlig überfordert zu sein scheint und deshalb ständig ins Bad rennt. Auch die Zuschauer bleiben irritiert zurück. Wer wen warum liebt und wer nun eigentlich Cindy ist, bleibt der Interpretation eines jeden überlassen. Auch wenn Maria am Ende gefunden wird, ist sie nicht fassbar, sie bleibt die Projektionsfläche für die Wünsche anderer. „Cindy liebt mich nicht“ ist vielmehr eine Charakterstudie der beiden Männer. Anfangs Egomanen, machen sie sich vermehrt Sorgen um die ihnen unbekannte Frau – und wagen es gegen Ende sogar, sich vor dem Konkurrenten auszuziehen und den Deostift zu teilen. Immer wieder wird ihnen auf dem Weg zur Selbsterkenntnis der Spiegel vorgehalten: in Gestalt einer biederen Mutter, einer depressiven Frau oder eines skurrilen Pflegers in der Psychiatrie.

„Jeder hat seine Cindy“, so drückt es Hannah Schweier aus. Dass sie sich über jede Nuance ihres Films Gedanken gemacht hat, wurde bei der angeregten Diskussion mit den Zuschauern in Bad Füssing deutlich. Über Monate hat sie nach der Besetzung für Maria gesucht, viele Schauspielerinnen gecastet und mit Anne Schäfer schließlich eine Freundin aus Schulzeiten engagiert – weil sie einfach die Beste war. Außerdem erfuhren die interessierten Gäste, wie kompliziert es ist, eine von A bis Z geplante Szene tatsächlich genau zu drehen. Da quetscht sich der Kameramann in einem alten VW Passat („ein Käfig“) an, über oder unter das Armaturenbrett und die Regisseurin gibt ihre Anweisungen per Funkgerät. Da steht die Hauptdarstellerin für eine sommerliche Szene nachts auf einem Balkon – und man bindet ihr Wärmflaschen um die Beine, damit sie bei etwas über 10 Grad im Cocktailkleid nicht zittern muss. Da liegen die Hände der Männer immer auf der gleichen Stelle am Rücken der unbekannten Maria. Denn sie sind dort festgeklebt, um ein Tattoo von Anne Schäfer zu überdecken.

Die weibliche Hauptdarstellerin ist sonst am Bayrischen Staatsschauspiel engagiert. Der Unterschied zwischen Theater und Film ist für sie so, als würde sie nicht mehr mit Füller auf Papier schreiben, sondern am Computer tippen. Anne Schäfer erklärte: „Im Theater arbeite ich jeden Abend vor dem Publikum, spiele meine Szenen in der richtigen Reihenfolge, aber immer in anderen Nuancen, bin angestrengt, schwitze. Wenn man den Film im Kino sieht, habe ich bereits gearbeitet, die Szenen in teils wirrer Reihenfolge abgedreht, aber nach einem komplett vorgefertigten Muster.“

Dass Muster für „Cindy liebt mich nicht“ hat Hannah Schweier über drei Jahre lang in ihrem Kopf ausgearbeitet und umgesetzt. Diese Geschichte ist komplex aufgebaut, eigenwillig inszeniert und dennoch entspannt erzählt. Wer einen anspruchsvollen Film darüber sehen möchte, wie wir Beziehungen heutzutage führen – und welche Probleme dies mit sich bringt – sollte noch bis Dienstag in die Filmgalerie Bad Füssing gehen.

Mehr Informationen im Internet: http://www.cindyliebtmichnichtderfilm.de und http://www.kino-bad-fuessing.de.

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