Eine Frau, wie Männer sie erträumen (PNP vom 2. Juli 2010)

Eine komplizierte Dreiecksgeschichte hat sich Regisseurin Hannah Schweier für ihren ersten Kinofilm ausgesucht. „Cindy liebt mich nicht“ handelt von Liebe und Sehnsüchten, von einer rätselhaften Frau und rätselnden Männern – und nicht von Cindy. Um all das zu erklären, kommen Regisseurin, Hauptdarstellerin und Kameramann am 15. Juli um 19.30 Uhr in die Filmgalerie Bad Füssing. Mit der Passauer Neuen Presse hat Hannah Schweier bereits gesprochen.Frau Schweier, warum haben Sie sich gerade den Roman „Cindy liebt mich nicht“ für Ihren ersten Langfilm ausgesucht?

Hannah Schweier: Ich habe das Buch im Ausverkauf erstanden – und es hat mich völlig umgehauen mit seiner Dramatik, seinem Augenzwinkern, seinem bitter-süßen Ernst. „Cindy liebt mich nicht“ beschäftigt sich mit der Liebe und will positiv unterhalten. Das ist ungleich schwieriger, als Emotionen mit einem großen Knall zu zerstören. Darin liegt für mich der Reiz in diesem Projekt.

Die Handlung des Films – zwei Männer lieben eine Frau. Nachdem sie verschwindet, wird sie gesucht – klingt nach einer klassischen Dreiecksgeschichte. Was ist anders?

Schweier: Diese ménage à trois wird wie eine Parabel, wie ein Märchen erzählt. Wir eröffnen immer mehr Ebenen und lösen Stereotypen auf. Den beiden Männern im Film begegnet Maria als das pure Leben in Form einer Frau. Sie ist geheimnisvoll. Sie ist sexy. Sie ist mutig. Sie ist anhänglich. Sie ist ein Event. Sie scheint all das zu sein, was man(n) sich wünscht. Doch mit zunehmender Dauer bricht das alles in sich zusammen. Genial, oder?

Das entscheidet jeder Zuschauer für sich. Ein Berliner Boulevardblatt schreibt über Ihren Film: „Wer ist Cindy und warum liebt Cindy nicht und warum heißt die Bar so? Warum verschwindet Maria und wohin? Keine Ahnung.“

Schweier: (lacht)

Überfordern Sie Ihre Zuschauer vielleicht mit all den Ebenen und Parabeln?

Schweier: Das Publikum wird gefordert und emotional berührt, aber nicht überfordert. Zumindest sagen mir das die Zuschauer, die ich in den letzten Wochen getroffen habe. Ich habe eben eine ungewöhnliche Erzählweise: nicht über den Kopf, sondern aus dem Bauch heraus. So können die Zuschauer mit einem Gefühl aus dem Kino kommen, und nicht mit unzähligen Gedanken. Und das Rätsel mit Cindy und der Liebe kann jeder Zuschauer lösen, der sich den Film auch nur halbwegs aufmerksam anschaut.

Von Cindy zu Maria: Warum lässt die sich auf diese Dreiecksgeschichte ein? Und wieso rennt sie weg, wenn es doch so gut läuft?

Schweier: Maria will geliebt werden. Sie richtet alle Blicke auf sich. Sie scannt die Blicke und erkennt sofort, für welche ihrer Facetten sie geliebt wird. So wird sie zur Überhöhung der Sehnsüchte anderer. Mit diesem Traumbild im Kopf lässt sie die Männer zurück – und die haben sich in eine Frau verliebt, von der sie nichts wissen. Nicht einmal den Nachnamen.

Wie entwickelt sich die Beziehung zwischen den zwei armen Kerlen, die mit derselben Frau ein Verhältnis haben und sie gemeinsam suchen?

Schweier: Zunächst ist es eine Zweckgemeinschaft. Sie sitzen nebeneinander im Auto und sprechen kaum miteinander. Wozu auch? Sie vermissen die Welt, die Maria ihnen gebracht hat und wollen sie wiederhaben. Für sich alleine. Der andere ist das Feindbild, das totale Gegenteil, den wollen sie am liebsten bespucken. Doch bald kommen sie in eine Situation, in der sie sich große Sorgen um die Frau machen. Sie müssen nicht mehr cool sein, können sich öffnen, sich mit dem anderen auseinandersetzen – und am Ende haben sie sogar ein wenig Respekt vor dem anderen und vor sich selbst.

Wer sich den Trailer zu „Cindy liebt mich nicht“ ansieht, hört über 90 Sekunden den Schlager „Willst du mit mir gehn?“ von Daliah Lavi. Was hat es mit diesem Lied auf sich?

Schweier: Mein Vater hat mir ein großes Know-how vererbt, was Schlager und Chansons angeht. Schon ein halbes Jahr vor Drehbeginn wusste ich: „Willst du mit mir gehn, auch wenn mein Weg ins Dunkel führt?“ fasst genau das zusammen, worum es in dem Film geht: Wie lebt man eine Beziehung? Dieser Song braucht diesen Film und umgekehrt.

Sie haben drei Jahre an diesem Projekt gearbeitet, der Film ist Ihre Abschlussarbeit an der Filmhochschule. Nun schließen sie das Projekt mit einer großen Tournee durch die Kinos ab. Sind sie froh, wenn all das vorbei ist? Und wie geht es weiter?

Schweier: Ich schließe nicht nur den Film ab, sondern auch ein Kapitel meines Lebens. Ich bin jetzt 30 Jahre alt, da enden Projekte, Lebensabschnitte, wahrscheinlich die ganze Jugend. Wenn das alles in sich geschlossen ist, dann bin ich wirklich froh. In den vergangenen drei Jahren habe ich erfahren, wie hart es ist, sich durchzubeißen, mit Ablehnung umzugehen und für das Herz eines Films zu kämpfen. Natürlich stelle ich mir bereits wieder die Frage: Werde ich noch ein Thema finden, dass mich so beschäftigt, in das ich mich verlieben kann? Jetzt muss ich erstmal wieder eine Privatperson werden, um neue Themen wachsen zu lassen. Noch hält mich Cindy dabei auf. Aber nicht mehr lange.

ZU REGISSEURIN UND FILM

Hannah Schweier, geboren 1980 in München, studierte zunächst Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften in ihrer Heimatstadt, bevor sie 2003 an der Filmakademie Baden-Württemberg aufgenommen wurde. Mit ihrem Film „Aufrecht stehen“ eröffnete sie 2007 die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale. „Cindy liebt mich nicht“ ist Hannah Schweiers erster Langfilm und zugleich die Abschlussarbeit ihres Studiums. Aufbauend auf den gleichnamigen Roman von Jochen-Martin Gutsch und Juan Moreno wird eine Liebesgeschichte der besonderen Art erzählt: Zwei Männer um die 30, der Barkeeper Franz (Clemens Schick) und der angehende Staatsanwalt David (Peter Weiss) sind in eine Liebesgeschichte mit derselben jungen Frau verwickelt, ohne von einander zu wissen. Maria (Anne Schäfer) ist eine besondere Frau, die jedem genau das gibt, was er zu brauchen scheint, und doch ganz in ihrer eigenen Welt lebt. Erst als Maria verschwindet, treffen die beiden ungleichen Männer, die sich für ihren Freund halten, aufeinander. In einem alten VW brechen sie sich schließlich gemeinsam auf, um Maria zu finden.

Fotos: AV medien penrose (C. Laube, A. Bade), ZOOM Medienfabrik

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