Wo die Religionen aufeinandertreffen (PNP vom 24.4.2010)

Trotz Schurkenstaat: Das kulturelle Erbe Syriens ist einen Besuch wert

„Allah akbar!“ Um zehn nach vier am Morgen reißt mich eine Stimme aus dem Schlaf. Ich verbringe meine erste Nacht in Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Doch selbst hier, in einem mehrheitlich von Christen bewohnten Viertel, gibt es im Umkreis von 500 Metern vier Moscheen. Von deren Minaretten klingen die Stimmen der Muezzine: „Allah akbar!“ Gott ist groß. Willkommen in einem Land, in dem Römer, Christen und Muslime über Jahrtausende neben-, mit- und gegeneinander wirkten.

Noch heute kann man in Syrien beeindruckende Denkmäler vergangener Zeiten bestaunen, am besten in der Altstadt von Damaskus, die gänzlich zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Im Christenviertel Bab Tuma finden sich reich verzierte Kirchen, hinter kleinen Portalen versteckte Paläste, viele Bars, Restaurants und Geschäfte mit angenehm unaufdringlichen Händlern. Ziemlich versteckt in diesem Gewirr aus engen steinernen Gassen steht hier eine der ältesten christlichen Kirchen: die Ananias-Kapelle, wo der Legende nach Saulus zum Paulus wurde.

Die Umayyaden-Moschee in Damaskus: im Jahr 2010 – und hoffentlich bald wieder – ein beliebtes und sicheres Ziel für Pilger und Touristen (Fotos: Haas).

Das Zentrum der Altstadt aber ist die Umayyaden-Moschee, benannt nach der ersten arabisch-islamischen Dynastie in Syrien. An der Stelle der Moschee befand sich vor zwei Jahrtausenden noch ein Tempel, den die römischen Besatzer Jupiter geweiht hatten. Die Ruinen dieses gigantischen Tempels findet man noch heute in der Damaszener Altstadt. Nach den Römern kamen die Byzantiner. Sie gestalteten den inneren Teil des Tempels zu einer Basilika um. Die Muslime, die 635 die Stadt eingenommen hatten, errichteten direkt daneben eine Moschee. Die Gläubigen verschiedener Religionen beteten zeitweise unter derselben Kuppel. Nach jahrzehntelangen Rechtsstreitigkeiten wurde die Basilika eingerissen, die Christen entschädigt und die Moschee erweitert.

Für nicht-muslimische Touristen ist es zunächst einmal ungewöhnlich, seine Begleiterinnen beim Besuch der Umayyaden-Moschee in sackartige graue Gewänder gehüllt zu sehen. Denn wie jede Moschee darf sie nur ohne Schuhe und von Frauen nur verschleiert betreten werden – ein beliebtes Fotomotiv. Doch gerade in einer Moschee sollte man mit dem Einsatz der Kamera vorsichtig sein, denn der Islam verbietet bildliche Darstellungen von Personen. Wer aber den Blick über das weitläufige Areal des Gotteshauses schweifen lässt, bemerkt: Es gibt Hunderte schöne Fotomotive. Genau deshalb fotografieren auch die Muslime, was das Zeug hält: Ihre Frauen bei der rituellen Waschung am Brunnen, die hoch hinaus ragenden Minarette, die vielen Mosaike an den Wänden, die wegen des Bilderverbots eine große Ausnahme in der islamischen Welt sind.

Nicht minder beeindruckend ist der Gebetsraum, in dem mehrere Tausend Gläubige Platz finden. In der Mitte steht ein gold und grün verzierter Schrein, der das Haupt Johannes des Täufers bergen soll. In einem weiteren Gebetsraum wird der Kopf des Prophetenenkels Hussein aufbewahrt – daher ist die Moschee das Pilgerziel vornehmlich von iranischen Schiiten. An allen Ecken und Enden wird persisch gesprochen und man sieht Frauen, die von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt sind. Für Syrien ist das sehr ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher aber ist es, dass gerade diese verhüllten Frauen uns in bestem Englisch ansprechen und über Religion und Politik diskutieren wollen. Dabei verschweigen wir lieber, dass der große Teil der westlichen Welt nicht mehr groß im Glauben verwurzelt ist und dass die religiöse Freiheit in Syrien in einem denkbar autoritären System gedeiht, in dem für Juden oder kurdische Patrioten überhaupt kein Platz ist.

Jesus Christus ist in Maalula allgegenwärtig – ob und wie die Kirchen, Heiligtümer und Statuen im Bürgerkrieg 2012 in Mitleidenschaft gezogen wurden, weiß im Sommer dieses Jahres noch niemand.

Wer in Syrien auf den Spuren der Religionen unterwegs ist, kommt an Maalula nicht vorbei. Das kleine Dorf liegt malerisch in den Bergen vor Damaskus. Hier fanden verfolgte Christen wie die Heilige Thekla Zuflucht. Sie war die Tochter eines heidnischen Königs und sollte verheiratet werden, um dem Christentum abzuschwören. Thekla flüchtete nach Maalula und versteckte sich in den Höhlen am Berg. Noch heute bestimmt sie das Aussehen des Dorfes: Als überlebensgroße Statue blickt Thekla vom Hang hinab. Außerdem weihte man ihr ein Kloster, das direkt in den Felsen gehauen wurde. Einen Besuch in Maalula macht die Tatsache beeindruckend, dass hier noch Aramäisch gesprochen wird. Im Kloster des Heiligen Sergius kann man sich das Vater Unser in der Sprache Jesu vortragen lassen. Die Grundmauern dieser Kirche stammen aus dem 4. Jahrhundert. Sie gehört damit zu den ältesten noch genutzten Kirchenbauten des Christentums. Teile des Gebäudes stammen sogar von einem noch älteren Opfertempel.

Einer der Höhepunkte jeder Reise nach Syrien ist der Besuch der Kreuzritterburg Krak des Chevaliers. Der Krak liegt gut 200 Kilometer nördlich von Damaskus nahe an der Grenze zum Libanon und nicht weit entfernt vom Mittelmeer. Völlig zurecht ist die schönste und am besten erhaltene Burg des Landes Teil des Weltkulturerbes. Zwischen 1150 und 1250 lebten bis zu 2000 Ritter in der Burg, um das Land ringsum zu missionieren und auszubeuten. Selbst Richard Löwenherz wohnte hier und ließ seiner Tochter einen eigenen Turm bauen. Der Schutzwall zur inneren Burg ist fast vollständig erhalten und ragt an die 30 Meter in die Höhe. Nachdem die Mamluken 1271 die Burg erobert hatten, wurde sie mit üppigen arabischen Bädern ausgestattet, deren Überreste man noch heute bewundern kann. Die europäischen Ritter hatten sich mit – immerhin bewässerten – Plumpsklos in der Nähe der Pferdeställe begnügt. Die Ruinen dieser Stallungen für bis zu 250 Vierbeiner, der einst prächtige Rittersaal mit Säulenvorbau sowie die kleine Kapelle lassen erahnen, welch wichtige Rolle der Krak für Christen und Muslime im Mittelalter gespielt haben muss.

Was einen Besuch hier so spannend macht: Es gibt praktisch keine Absperrungen. Man kann sich durch stockfinstere Versorgungsgänge zwängen, auf Mauern klettern und sich dabei wie ein echter Ritter fühlen. Auf den Türmen und Zinnen der Burg bietet sich ein weiter, überwältigend schöner Blick auf eine überraschend grüne Berglandschaft, die an die Pyrenäen erinnert. Der Wind bläst stark – und trägt aus den nahe gelegenen Ortschaften nicht nur den Klang der Kirchenglocken mit sich, sondern auch den Ruf des Muezzin.

SYRIEN

Anreise: Damaskus ist von den Flughäfen Frankfurt und München per Direktflug zu erreichen, Flüge z.B. über Istanbul oder Prag sind hin und zurück dafür schon ab 300 Euro zu haben. Ein Visum ist nötig, erhältlich bei der syrischen Botschaft für 26 Euro. Der Reisepass darf keinen Einreise- oder Ausreisestempel von Israel enthalten.

Währung: 1 Euro = 62 syrische Pfund (Lira); 1000 syrische Pfund (Lira) = 16 Euro.

Beste Reisezeit: Im Frühjahr und Herbst. Die Sommer sind glühend heiß, die Winter kalt und regnerisch.

Zu den Sehenswürdigkeiten: Umayyaden-Moschee, geöffnet von 9 bis 17 Uhr und außerhalb der Gebetszeiten. Eintritt 50 Lira. Krak des Chevaliers, geöffnet von 9 bis 18 Uhr, im Winter bis 16 Uhr. Eintritt 150 Lira. Anreise von Damaskus mit eigenem Fahrer oder Reise- bzw. Kleinbussen (Dauer: 2-3 Stunden). Von Damaskus nach Maalula mit dem Kleinbus in gut einer Stunde.

Weitere Informationen: Muriel Brunswig-Ibrahim: Syrien. Handbuch für individuelles Entdecken, 3. Auflage 2009, Reise Know-How Verlag. Reisehinweise des Auswärtigen Amtes online unter http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Syrien/Sicherheitshinweise.html. Syrisches Tourismus-Ministerium unter www.syriatourism.org (englisch).

Online auch unter: http://www.pnp-reise.de/artikel.php?cid=29-27622131&bnr=0

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