Ein brutaler Waffenstillstand (PNP vom 21.4.2010)

Regisseur Lancelot von Naso stellt sein Kinodebüt vor

Bad Füssing. Reichlich spannend wird es am Donnerstag um 19.30 Uhr in der Filmgalerie. Lancelot von Naso – übrigens kein Künstlername – ist zu Gast und stellt „Waffenstillstand“ vor. Der Film ist spannend inszeniert und hervorragen besetzt. Über das und vieles andere spricht der Regisseur im Interview mit der Passauer Neuen Presse.

Lancelot von Naso, Sie haben ihren ersten Kinofilm „Waffenstillstand“ mit Darstellern wie Matthias Habich und Hannes Jaenicke gedreht. Wie sind Sie an die Darsteller gekommen, und wie reagieren die, wenn ein Debütant ihnen Anweisungen gibt?

Lancelot von Naso: Den größten Star unseres Films haben Sie gar nicht genannt, Thekla Reuten nämlich, die gerade mit George Clooney „The American“ gedreht hat. Und sie alle zu engagieren, war ganz einfach: Wir hatten ein gutes Drehbuch, also wollten sie mitspielen. Weniger einfach ist es dann, als junger Regisseur mit einem ganzen Ensemble gestandener Schauspieler zu arbeiten. Ich musste schließlich fünf Personen gleichzeitig inszenieren, da gab es schon einige schwierige Momente. Mein Vorteil war natürlich, dass ich auch das Drehbuch geschrieben hatte. So konnte ich sagen: Vertraut mir, es wird funktionieren.

Glaubt man den Kritiken, dann ist „Waffenstillstand“ authentisch, politisch, dramatisch und spannend. Wie haben Sie es vermieden, einen reinen Actionknaller zu drehen?

Von Naso: Es wäre zu einfach gewesen, eine Höllenfahrt von fünf Personen durchs Kriegsgebiet zu zeigen. Wir wollen den Zuschauer als sechsten Mitfahrer dabeihaben. Im Unterschied zu aktuellen Filmen aus den USA mit ähnlichem Hintergrund – wie „Green Zone“ mit Matt Damon oder der Oscarprämierte „Hurt Locker“ – zeigen wir den Irak-Krieg nicht aus der Sicht amerikanischer Soldaten. Wir gehen zwischen die Fronten. So ist ein Film entstanden, der spannend ist, einen politischen Hintergrund hat und nah an seinen Charakteren ist.

Ihre Hauptcharaktere sind: Eine idealistische Helferin, ein Kameramann, der schon alles gesehen hat, ein zynischer Arzt und ein karrieregeiler Reporter. Warum scheinen die Figuren so überzeichnet zu sein?

Von Naso: Wer Personen klar inszeniert, kann sie besonders stark aufeinanderprallen lassen und Konstellationen mit besonderer Sprengkraft entwickeln. Aber auch unsere Charaktere haben Facetten und Widersprüche und handeln nicht so, wie man sich das wünscht. Außerdem geht doch niemand zufällig in den Irak: Man ist ein Idealist, ein Helfer, ein Abenteurer, ist auf Karriere aus – oder man will wieder weg.

Wie haben Sie sich über die Situation im Irak informiert?

Von Naso: Selbst dorthin zu reisen wäre leider zu gefährlich gewesen. Dafür habe ich ein halbes Jahr recherchiert und mich auch weiter informiert, als ich noch mal anderthalb Jahre am Drehbuch gearbeitet habe. Ich habe Flüchtlinge, Vertreter verschiedener Organisationen und Journalisten getroffen, die selbst im Kriegsgebiet eingeschlossen waren. Im Ergebnis scheint der Film wirklich nah an der Realität zu sein. Das haben mir zumindest einige Kriegsjournalisten bestätigt.

Über Ihren Dreh in Marokko haben Sie einmal gesagt: „Alle Scheiße, die einem passieren kann, ist uns passiert.“ Was genau ist passiert?

Von Naso: Es hat geregnet, vier Wochen am Stück. Nach drei Tagen Regen haben uns die Leute gesagt: Das passiert nicht oft. Nach einer Woche haben sie gesagt: Das hatten wir zuletzt 1965. Und dann regnete es noch einmal drei Wochen weiter. Wir hatten deutlich mehr Unfälle als nötig und uns sind ganze Drehorte weggeschwemmt worden. Dazu kommen die üblichen Schwierigkeiten, wenn man in einem anderen Kulturraum dreht: Verdorbene Mägen, hunderte Schaulustige, ein anderes Arbeitsethos – und wenn die Muezzine eine Viertelstunde am Stück rufen, kann man praktisch keine Tonspur aufzeichnen.

Können Sie uns den Zusammenhang zwischen „Waffenstillstand“ und Online-Netzwerken wie StudiVZ erklären?

Von Naso: Ein Hollywoodfilm wie „Green Zone“ hat das achtzigfache Budget unserer Produktion. Da müssen wir uns eben andere Marketingstrategien überlegen, um an Zuschauer zu kommen. Mein Co-Produzent Dario Suter, der übrigens sein Studium mit einer Arbeit über Journalisten in Kriegsgebieten abgeschlossen hat, hat das Netzwerk StudiVZ mitbegründet. Mittlerweile haben wir dort, bei Facebook und anderen Netzwerken einen Anhang von mehreren Tausend Nutzern, die sich über den Film austauschen. Nun müssen sie nur noch fleißig ins Kino gehen.

Wir danken für das Gespräch.

ZU FILM UND REGISSEUR

Lancelot von Naso, geboren 1976, hat seine Ausbildung an der Hochschule für Fernsehen und Film in München absolviert. Bisher hat sich der junge Regisseur vor allem mit Kurzfilmen einen Namen gemacht, „Waffenstillstand“ ist sein erster Kinofilm. Die Handlung baut auf realen Geschehnissen auf. Im irakischen Kriegsgebiet um Falludscha kämpfen im Jahr 2004 amerikanische Soldaten und Aufständische um die Vorherrschaft. Die öffentliche Versorgung ist zusammengebrochen. Als ein 24-stündiger Waffenstillstand ausgerufen wird, brechen vier sehr unterschiedliche Personen in die Kampfzone auf: Kim (Thekla Reuten), Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, plant mit dem Arzt Alain (Matthias Habich) einen Hilfstransport in ein Krankenhaus. Sie sind bereit, dafür jedes Risiko einzugehen. Als eine Art „Schutzschild“ begleiten sie Oliver (Maximilian von Pufendorf), ein Journalist, der auf eine gute Story hofft, und Kameramann Ralf (Hannes Jaenicke), der sicher ist, dass sie alle in Gefahr geraten. Und natürlich läuft das Ganze in jeder Beziehung aus dem Ruder. „Waffenstillstand“ ist eher als Reportage denn als Actionknaller inszeniert. Genau das macht diesen Film so spannend. Zum ersten Mal wurde der Film beim Filmfestival in Montréal aufgeführt und gleich prämiert, in Zürich gewann er den Publikumspreis und bei den Internationalen Hofer Filmtagen den Förderpreis Deutscher Film. Deutschlandpremiere feierte „Waffenstillstand“ am 1. April in Berlin.

Siehe auch unter: http://www.pnp.de/lokales/artikel.php?cid=29-27772891&Ressort=ge&Ausgabe=ge&RessLang=poc&BNR=0

Foto: Marc Schmidheiny / Waffenstillstand

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