Leben, um nicht zu vergessen (PNP vom 17.03.2010)

Porträt eines Holocaust-Überlebenden in der Filmgalerie / Regisseurin zu Besuch und im Interview

Bad Füssing. Am Donnerstag um 19.30 Uhr ist Regisseurin Carolin Otto in der Filmgalerie zu Gast. Sie hat eine beeindruckende Geschichte im Gepäck: „Der Weiße Rabe“, ihr Porträt über Max Mannheimer, einen der letzten Überlebenden des Holocaust.Max Mannheimer überlebte zwischen 1943 und 1945 die Konzentrationslager in Auschwitz, Warschau, Dachau und Mühldorf. Bis heute kämpft er gegen das Vergessen, hält Vorträge vor Jugendlichen oder führt Besucher durch die KZ-Gedenkstätte Dachau. Aus Mannheimers Begegnungen in den Jahren 2008 und 2009, aus Filmmaterial eines Besuchs in Auschwitz 1991 und aus alten Familienfilmen ist nun „Der weiße Rabe“ entstanden. Für ihr Porträt begleitete Carolin Otto den heute 90-Jährigen mehr als ein Jahr lang. Deutlich weniger Zeit musste sie dafür aufbringen, die Fragen der Passauer Neuen Presse zu beantworten.

Frau Otto, wie haben Sie Herrn Mannheimer kennengelernt?

Otto: Das war 1988, und ein purer Zufall. Max hatte meine Bankkarte gefunden, die ich auf einem Parkplatz in Dachau verloren hatte. Als ich meine Karte dann bei ihm abgeholt habe, hat er mich gleich in ein Gespräch verwickelt und zu einem seiner Vorträge mitgenommen. Da haben wir uns weiter unterhalten und er hat mir eine Kassette mitgegeben, darauf war die Lebensgeschichte von Charlotte Knobloch, der heutigen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus diesem Stoff habe ich dann den Kurzfilm „Veilchenbonbons“ gemacht, und Max und ich sind weiter in Kontakt geblieben.

Sich kennenlernen ist das Eine, einen Film zu drehen das Andere. Wie entstand „Der weiße Rabe“?

Otto: Ich habe Max mit einer Kamera begleitet, als er 1991 das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Auschwitz ging. Als vor zwei, drei Jahren auch andere seine Geschichte verfilmen wollten, wurde mir klar: Das Material, das ich von ihm habe, muss ich nutzen, ich muss seine menschliche Größe einem breiteren Publikum zeigen. Das Projekt „Der weiße Rabe“ habe ich selbst produziert, ich habe praktisch ohne Geld damit angefangen und hatte das große Glück, eine Kamera geschenkt zu bekommen. So konnte ich Max durch das Jahr 2008 hindurch größtenteils selbst filmen und begleiten. Wäre ein ganzes Filmteam um ihn herum gewesen, wären viele Szenen sicherlich nicht so entstanden, wie sie heute zu sehen sind.

Die Arbeit einer Regisseurin stellt man sich doch so vor, dass sie alles um sich herum dirigieren müssen. Welchen Einfluss hatten Sie denn auf Herrn Mannheimer?

Otto: Die Situationen, in denen ich ihn gefilmt habe, konnte ich mir natürlich aussuchen. Und sonst hieß es: Warten. Das gehört zu einem Dokumentarfilm einfach dazu. Einmal zum Beispiel habe ich Max in seinem Hotelzimmer besucht, bevor er zu einer Gedenkveranstaltung gegangen ist, und einfach die Kamera laufen lassen. Wie er da im Badezimmer steht und sich auf das vorbereitet, was da kommt, das ist eine wunderbare Szene geworden.

Können Sie uns Herrn Mannheimer beschreiben?

Otto: Max verarbeitet seine schwere Vergangenheit, indem er sich selbst und andere damit konfrontiert. Aber er will etwas Gutes aus seiner Geschichte machen, er vermittelt sie, ohne Schuldgefühle bei seinen Zuhörern aufkommen zu lassen. Max geht es darum, dass Freiheit, Humanität und Demokratie geschätzt werden. Wenn man weiß, was dieser Mann erlebt hat, und dann sieht, wie optimistisch, kommunikativ, neugierig und schlagfertig der ist, muss man sich einfach denken: Das möchte ich später auch mal schaffen. Und mit Frauen unterhält sich Max übrigens besonders gerne (lacht)…

Wie geht es Herrn Mannheimer heute?

Otto: Wenn er da sitzt, erzählt und fragt, kann man sich nicht vorstellen, dass er 90 Jahre alt sein soll. Aber natürlich er in seinem Alter Schwierigkeiten beim Gehen, und sehr schwerhörig ist Max auch noch. Dass er nicht nach Bad Füssing kommen kann, hat übrigens nichts mit seinem Gesundheitszustand zu tun, sondern damit, dass er an diesem Tag noch anderes zu tun hat. Der Mann hat einen Terminkalender wie ein Manager. Er lebt für das, was er tut.

Gemeinsam mit Herrn Mannheimer treffen Sie viele Schüler. Wie reagieren die auf einen Holocaust-Überlebenden? Würden sich viele nicht lieber eine Freistunde nehmen, als noch einmal über den Mord an den Juden zu sprechen?

Otto: Keiner der Schüler hat es im Nachhinein bereut, Max getroffen zu haben – selbst wenn sie vorher keine Lust auf eine Geschichtsstunde hatten. Meistens sind die Gymnasiasten mit ihren Fragen an Max etwas zurückhaltender, Haupt- und Realschüler genieren sich da weniger. Die wollen zum Beispiel wissen, ob es im Konzentrationslager auch Freundschaften oder sogar Liebe gegeben hat oder ob sich die Überlebenden danach noch getroffen haben.

Frau Otto, wir danken für das Gespräch.

Die Regisseurin

Carolin Otto, Jahrgang 1962, hat in München an der Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Für ihren ersten Kurzfilm „Veilchenbonbons“ hat sie 1990 mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem das Prädikat „besonders wertvoll“. Carolin Otto konzentriert sich auf anspruchsvolle Filme, seien sie für das Kino, für Kinder oder für „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF. Im Auftrag des Bildungsfernsehens BR-Alpha hat sie Serien über die Philosophen Kant und Hannah Arendt gedreht. Aber auch mit Krimis kennt sich Otto aus: Sie hat bereits Drehbücher für den „Polizeiruf“, den „Bullen von Tölz“, „Das Duo“ und den Münchner „Tatort“ verfasst. Ihr aktueller Film „Der weiße Rabe“ ist seit Dezember 2009 in den Kinos zu sehen. Carolin Otto zeigt den Film am Donnerstagvormittag im Rahmen einer Schülervorstellung, abends um 19.30 Uhr gibt es eine öffentliche Vorführung.

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