Sparen bis der Arzt kommt (Das Parlament vom 22.02.2010)

Kommunen: Kulturetats werden derzeit drastisch gekürzt – doch es geht auch anders

Nur 1,6 Prozent der kommunalen Ausgaben sind laut Statistischem Bundesamt 2009 in die Kultur geflossen. Sparen ist da kaum noch möglich. Man versucht es trotzdem. In Stuttgart werden bis 2011 5,8 Millionen Euro im Kulturetat gestrichen, in Hamburg sollen es 2010 10 Millionen sein, auch Köln kündigte „drastische Einsparungen“ an. Der Deutsche Kulturrat sieht deshalb den Bund in der Pflicht: Ein Nothilfefonds solle den „Spar-Tsunami“ abwenden, der kleine Kunstvereine, Museen und Künstlerförderungen gefährde.

Auf Hilfen und Fonds konnte man in Wuppertal nicht mehr warten. Die Stadt bekämpft mit einem Haushaltssicherungskonzept (HSK) die drohende Überschuldung. Das Ende 2009 beschlossene HSK sieht die Kürzung der städtischen Kulturzuschüsse um 30 Prozent vor. Fünf Schwimmbäder und zwei Bibliotheken müssen schließen, selbst die Eintrittspreise im Zoo steigen. Die aufsehenerregendste Folge ist die Schließung des Wuppertaler Schauspielhauses zum Jahr 2012. In einem offenen Brief schrieb der frühere Intendant Holk Freytag: Das Konzept lege einen Zustand offen, „der die Städte, ,Garanten einer lebendigen Demokratie‘ verwahrlosen ließe.

Kulturszene und Feuilletons sprechen vom Paket des Grauens. Eine wohlfeile Formulierung, wie Stadtdirektor und Kämmerer Johannes Slawig im Gespräch mit „Das Parlament“ sagt: „Kultur auf dem heutigem Niveau können wir uns nicht mehr leisten. Wir lassen sie aber nicht sterben.“ Sollten die Struktur- und Finanzierungsprobleme der Kommunen aber nicht gelöst werden, prognostiziert Slawig im ganzen Land noch weitaus größere Einschnitte: „Da wird es noch viele Listen des Grauens geben.“ Das erscheint nicht abwegig angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland 270 öffentlich getragene Theater und Orchester gibt – so viele wie im Rest Europas.

Eines dieser Häuser steht in Dessau-Roßlau. Es bietet Schauspiel, Oper, Ballett, Puppentheater und 1.200 Plätze in einer Stadt mit 89.000 Einwohnern, aus der seit 1989 jeder Vierte weggezogen ist. Für 2010 erwartet man ein Defizit von bis zu 30 Millionen Euro und gibt dennoch 25 Millionen für Theater, Museen, Archiv, Landesbücherei und Vereine aus – etwa 11 Prozent des Haushalts. „Wir sind für die kulturelle Entwicklung der ganzen Region verantwortlich und dürfen nicht vergessen, welch enorme Wertschöpfung die Kultur bringt“, erklärt Gerd Raschpichler, der städtische Beigeordnete für Gesundheit, Soziales, Bildung und Kultur. Doch um das Angebot zu erhalten, sei man auch gezwungen, „Luxusangebote wie Stadtteilbibliotheken auf den Prüfstand zu stellen“ und die kulturelle Arbeit mehr ins Ehrenamt zu verlagern.

Quelle: http://www.das-parlament.de/2010/08/Themenausgabe/28730980/305996

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