Gegen den Strom schwimmen (Das Parlament vom 22.02.2010)

München: Sparen, wenn die Einnahmen sprudeln, und investieren, wenn sie fehlen

Kühl, karg und grau wirkt das Atelier von Isabel Haase. Die Wände sind blank, die Fenster noch verdunkelt von einer Ausstellung. Auf dem Boden stehen drei große Kisten – Bestandteile ihrer Werke, ausgestellt im städtischen Atelierhaus in der Münchner Klenzestraße. Die ehemalige Strickwarenfabrik verfügt über 24 Ateliers, die an ausgewählte Künstler vermietet werden. So ist auch die bildende Künstlerin Isabel Haase nach zwei Jahren auf der Warteliste an ihr Atelier gekommen. Bis 2011 darf sie es nutzen. Danach zieht die nächste Künstlergeneration für fünf Jahre in das Haus ein.

München hat im vergangenen Jahr 157 Millionen Euro für die Kultur ausgegeben. Das sind 4,2 Prozent des Haushalts. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) teilte in einer Studie des Deutschen Kulturrates mit, dass es „jede Menge Schaden“ verursache, in Zeiten der Krise die kulturelle Infrastruktur zu gefährden. Daher übergab die Stadt vergangenen Sommer ein Atelierhaus mit mehr als 100 Arbeitsräumen an Künstler aller Sparten. 2010 gibt man für die Sanierung von Stadtmuseum, Deutschem Theater und Lenbachhaus sowie für den Neubau des NS-Dokumentationszentrums und von Bibliotheken 65 Millionen Euro aus.

Von solchen Summen können die Künstler nur träumen. Nach einer Erhebung der Künstlersozialkasse beträgt das Jahreseinkommen bildender Künstler in Deutschland im Schnitt 13.269 Euro. Unter 40-Jährige wie Isabel Haase verdienen noch weniger. Dabei klingt ihre Vita, als könnte sie ein sorgenfreies Künstlerleben führen: Studium der Bildhauerei an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, Meisterschülerin von Olaf Metzel, Stipendien führten sie nach Spanien und Frankreich. Dennoch muss die 35-Jährige ihr Leben mit Dekorationsarbeiten finanzieren. Sie kann sich nur ein kleines Atelier leisten – und selbst das geht nur mit einer Förderung. „Die regulären Mieten sind unglaublich hoch und es gibt kaum Platz, um sich als Künstler auszuleben“, sagt die Bildhauerin, Videokünstlerin und Fotografin.

Dass Hilfe nötig ist, zeigt ein Blick auf die Zahl der in München tätigen Künstler. Ihr Anteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt bei 1,9 Prozent, allein knapp 4.000 Bildende Künstler sind in der Isarmetropole gemeldet. Jährlich kommen rund 100 Akademie-Absolventen und Kunsterzieher hinzu. Und sie alle konkurrieren um Ideen, Räume und Aufträge. Deshalb wurde in der bayerischen Landeshauptstadt ein Förderangebot geschaffen, das von der Atelierförderung bis zum Stipendiensystem reicht. Neben dem Ziel, die Reichhaltigkeit der Münchner Kultur zu zeigen, möchte man Kultureinrichtungen, Festivals und Fördermaßnahmen selbstbewusst als Leistungen der Stadt darstellen.

Auch deshalb hat das Kulturreferat den Webauftritt des Atelierhauses in der Klenzestraße in seinen integriert und unterstützt Isabel Haase und Kollegen bei ihrer jährlichen gemeinsamen Ausstellung „Offen“. Im Gegenzug führen diese Schulklassen durch ihre Ateliers oder geben Kunstkurse. Für Isabel Haase, die bereits in Paris gearbeitet hat, wirkt die Münchner Kulturszene auf diese Weise sehr übersichtlich. „Hier kenne ich meine Ansprechpartner und kann technisches Gerät von der Stadt mieten. Paris kann so schön sein, wie es will – wenn ich nicht gut vernetzt bin, bringt mir das Leben dort nichts.“

Quelle: http://www.das-parlament.de/2010/08/Themenausgabe/28730794/305990

Fotos: Isabel Haase: Beauties (Photo, 2006, Analog Print, 80cm /100cm, auf Aluminum, Acrylglas), Banana Republic (2009, 35 sec., Videoloop), Paris, I’m off! (2008, Diapositiv, 60×80 cm, on Aluminium).

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