Fünf Fragen zum Kulturetat in Marbach (Das Parlament vom 22.2.2010)

Interview mit Herbert Pötzsch, Bürgermeister von Marbach am Neckar

Marbach hat 15.000 Einwohner. Und Marbach hat Friedrich Schiller. Und darüber hinaus?

Die meisten Besucher gehen natürlich ins Nationalmuseum, staunen aber zugleich über unsere gut erhaltene mittelalterliche Altstadt. Die ist nämlich ohne die übliche Waschbeton-Sanierung ausgekommen. Außerdem können Sie das Geburtshaus des Astronomen Tobias Mayer besuchen. Veranstaltungen finden in unserem Schlosskeller oder der neu renovierten Stadthalle mit 800 Plätzen statt.

Wie finanzieren Sie die Kultur in Ihrer Stadt? Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise?

Unser laufender Jahresetat liegt bei gut 30 Millionen Euro. Davon fließen in den Projektetat „Kulturarbeit“ ohne Personalkosten 35.000 Euro. Das klingt lächerlich wenig. Im Schillerjahr 2009 belief sich der Kulturetat auf 550.000 Euro, da waren wir aber auch auf Sponsoren angewiesen. Zum Thema Finanzkrise nenne ich Ihnen ein Beispiel: Unsere Bürger sehen die sanierte Stadthalle und haben verständliche Wünsche nach Veranstaltungen. Und wir von der Stadtverwaltung schauen in den Geldbeutel und sehen: Nichts drin. Wir können bekannten Gruppen, die hier gerne auftreten würden, nicht einmal eine Finanzgarantie von 10.000 Euro für ihren Auftritt geben.

Für Schiller aber ist genug Geld vorhanden?

Da sieht die Finanzierung ja ganz anders aus. Das Literaturarchiv mit dem Schiller-Nationalmuseum wird von der Deutschen Schillergesellschaft geführt, ein Staatsvertrag sichert die Förderung durch den Bund und das Land Baden-Württemberg. Die laufenden Kosten liegen bei etwa 10 Millionen Euro im Jahr plus zusätzliche Investitionen wie die gerade abgeschlossene Sanierung. Unsere Gemeinde wäre niemals in der Lage, das zu stemmen.

Funktioniert Kultur in kleinen Gemeinden bald nur noch ehrenamtlich?

Nein, dagegen wehre ich mich mit Händen und Füßen. Die Kommunen müssen eine Grundstruktur bieten. Unsere Kulturvereine bekommen eine beklagenswert niedrige finanzielle Unterstützung, aber sie bekommen eine. Außerdem bieten wir im Rathaus Platz für Ausstellungen. Wir veranstalten ein Bildhauersymposium, wo die Künstler vor Publikum auf offenen Plätzen arbeiten. So nutzen wir die Kreativität ohne großen finanziellen Aufwand und stiften eine gemeinsame Identität.

Die Landeshauptstadt Stuttgart kürzt ihren Kulturetat um 5 Millionen Euro. Die Chance für Marbach, diese Lücke zu füllen?

Wir sind doch nicht so verrückt, uns mit den großen Veranstaltungszentren zu messen. Wir wollen Kultur für die Region anbieten. Das funktioniert nur, wenn man das Programm der großen Städte ergänzt und nicht damit konkurriert.

Die Fragen stellte Sebastian Haas.

Quelle: http://www.das-parlament.de/2010/08/Themenausgabe/28729961/305952
Foto: Stadt Marbach

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