Ein prinzipientreuer Opportunist (Das Parlament, 1.2.2010)

Claudia Sewig zeichnet das bewegte Leben von Bernhard Grzimek nach

Sein Name und seine Person waren ungewöhnlich: Bernhard Grzimek. Dass er deutlich mehr war als ein Naturschützer und Moderator der Fernsehreihe „Ein Platz für Tiere“, zeigt die Journalistin Claudia Sewig in ihrer Biografie über den „Mann, der die Tiere liebte“. Grzimek hat die öffentliche Diskussion über Naturschutz nachhaltig beeinflusst. Er war Fernsehmoderator und Abenteurer, Oscar-Gewinner und Frauenschwarm – und als Naturschutzbeauftragter der Bundesregierung von 1970 bis 1973 sogar direkt in der Umweltpolitik tätig.

Sein Leben war zwar außergewöhnlich, aber auch sinnbildlich für viele Männer seiner Generation. Grzimek, geboren 1909, hatte keine Skrupel, seine Karriere von den Nazis befördern zu lassen. Als der Tierarzt 1933 im Preußischen Landwirtschaftsministerium zu arbeiten begann, trat er erst der SA bei, schließlich auch der NSDAP – was er später vor Gericht bestritt. Dennoch zeigt die Biographie ihn als politischen Opportunisten und Mitläufer, dem die NS-Ideologie offenkundig egal war. Im Amt beschäftigte er sich zumindest mit eher unverdächtigen Dingen wie der Einhaltung des Gesetzes „Über den Verkehr mit Eiern“. Andererseits fand er später auch den Mut, einzugestehen, dass er schon 1940 an der Front vom Massenmord an den Juden gewusst hatte.

Als Fernsehstar und Umweltaktivist zeigte Grzimek seinen Zuschauern quälende Bilder aus Legebatterien und kritisierte das Profitstreben als Ursache der Zerstörung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen. Seine Sendung „Ein Platz für Tiere“ lief fast drei Jahrzehnte lang, erreichte Einschaltquoten von 70 Prozent und wurde so zur erfolgreichsten Dokumentarserie der deutschen Fernsehgeschichte.

Seit 1970 konnte Grzimek seinen Einfluss in direkte Politik ummünzen. „Ihr Wirken dient nicht nur der Wissenschaft, sondern bringt Millionen von Menschen, insbesondere der Jugend, Freude und Verständnis für die Natur. Was Ihnen in einigen Ländern Afrikas gelungen ist, ist deutsche Entwicklungshilfe im besten Sinn“, schrieb Willy Brandt an Grzimek, und ernannte ihn zum Bundesbeauftragten für Naturschutz.

Grzimek setzte auf Symbolpolitik: Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein überredete er zu Sonderdrucken über die „Vergiftete Umwelt“. Den Sänger Ivan Rebroff ermahnte er, auf das Tragen von Pelzen zu verzichten. Und er traf die Diktatoren Mobutu in Zaire und Idi Amin in Uganda. Auch hier zeigte sich Grzimek als politischer Opportunist. Zum Wohl der Natur war er bereit, menschliche Gräueltaten auszublenden: „Ich möchte bemerken, dass ich als Naturschützer kein Urteil über eine Staatsform oder über die Politik solcher Männer ablege. Sie geht mich nichts an“, sagte Grzimek. „Wir kämpfen um Dinge, die für die Menschen viel wichtiger sind als wechselnde Regierungsformen und Weltanschauungen.“

Seine Versuche einer politischen Aufwertung des Naturschutzes aber scheiterten am wenig reformfreundlichen Bonner Verwaltungsapparat. Desillusioniert gab Grzimek sein Amt als Naturschutzbeauftragter Anfang 1973 auf. Als Lobbyist aber blieb er der Politik treu. 1975 war er Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Später unterstützte er seinen Mitarbeiter Fritz Jantschke zu Beginn dessen „grüner“ Parteikarriere. Für die Grünen selbst wäre Grzimek wohl wegen seiner politischen Vergangenheit nicht zu tragen gewesen. Dennoch zierte Grzimeks Konterfei Plakate, auf denen zu lesen war: „Ich wähle grün.“ Auch mit dem Kardinal von München, dem heutigen Papst Benedikt XVI., führte Grzimek Gespräche über Glaubensfragen, Natur und Schöpfung.

Auf alle diese Aspekte eines bewegten Lebens, auch auf die seines Privatlebens, geht Claudia Sewig ein – und bleibt dabei angenehm wertungsfrei. Ihre große Grzimek-Biografie zeichnet sich durch gründliche Recherche, viele bisher unbekannte Details und eine unterhaltsame journalistische Schreibe aus.

Claudia Sewig: Bernhard Grzimek. Der Mann, der die Tiere liebte. Gustav Lübbe Verlag, Köln 2009; 447 S., 24,95 €

http://www.das-parlament.de/2010/05_06/PolitischesBuch/28502577/305554

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