„Das ist kein Sex and the City“ (PNP, Dezember 09)

Regisseurin Susanne Schneider über ihren Film „Es kommt der Tag“

Bad Füssing. Susanne Schneider ist im Stress. Zuhause tummeln sich die Handwerker und zugleich will ihr neuer Film „Es kommt der Tag“ beworben werden. Doch statt sich darüber zu beklagen, verlässt die Drehbuchautorin und Regisseurin für kurze Zeit die heimische Baustelle und beantwortet die Fragen der Passauer Neuen Presse. Am Donnerstag wird sie ihren Film in der Filmgalerie in Bad Füssing vorstellen.

Sie haben Theaterstücke inszeniert, Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Warum wagen Sie gerade jetzt den Schritt ins Kino und inszenieren einen Film in Eigenverantwortung?

Susanne Schneider: Ich hatte eben eine Idee, die sich nur im Kino realisieren ließ. Wer fürs Kino inszeniert kann freier erzählen, radikaler sein und muss sich nicht auf 90 Minuten begrenzen wie fürs Fernsehen. Kino kann für die Zuschauer ein viel intensiveres Erlebnis sein.

In „Es kommt der Tag“ geht es in der Hauptsache um einen Mutter-Tochter-Konflikt mit terroristischem Hintergrund. Gibt es nicht schon genug Filme zu diesem Thema?

Schneider: Wie viele Filme können Sie mir denn sagen, die dieses Thema bereits aufgegriffen haben? Meines Wissens hat es bisher sechs Kinofilme zu diesem Themenkomplex gegeben. In Anbetracht der Tatsache, dass die RAF eine Generation von Menschen in Angst und Schrecken versetzt und eine ganze Epoche geprägt hat, erscheint mir das nicht besonders viel. Außerdem wiederholen wir keine Aspekte, die bereits vorher auf der Leinwand erschienen sind.

Eine der beiden Hauptrollen spielt Iris Berben, die nach eigener Aussage zum ersten Mal seit über 30 Jahren dafür ein Casting besucht hat. Wie castet man Iris Berben? Wissen Sie denn nicht schon im Voraus, was Sie von ihr erwarten können?

Schneider: Man kennt doch die Schauspieler, selbst wenn sie schon lange aktiv sind, noch nicht in- und auswendig. Außerdem müssen meine Darsteller doch zusammenpassen! Eine Hauptrolle hatten wir bereits mit Katharina Schüttler besetzt. Nach dem gemeinsamen Casting mit Iris Berben haben wir bemerkt: Diese beiden passen am besten zusammen. Sie ist eben nicht nur eine sehr bekannte, sondern auch eine wirklich tolle Schauspielerin.

Susanne Schneider, Katharina Schüttler, Iris Berben. Das macht drei willensstarke Frauen, die am Set zusammentreffen. Wie liefen denn die Dreharbeiten aus Ihrer Sicht ab?

Schneider: Nicht so, wie Sie sich das vielleicht erwarten würden. Es gab keine Explosionen, aus denen dann der Film entstanden wäre. Wir hatten vor Drehbeginn eine Woche Zeit zu proben, das war wirklich ein großer Luxus. So konnten sich alle einprägen: Das sind die Grundkonflikte im Film, so tickt mein Gegenüber, so atmet sie. Mit diesem Vorwissen konnten wir in die vierwöchige Drehphase gehen. Und während dem Dreh sind die Aufgaben ja klar verteilt: Einer ist der Kapitän, also ich, und die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen zum Gelingen des Projekts beitragen. Natürlich schaut die Regisseurin, dass sie das bekommt, was nötig ist. Doch wir haben den Schauspielern ihre Freiheiten gelassen und auf ihre Ideen reagiert. Zum Beispiel haben wir ihnen nie vorgegeben, wie sie sich zu bewegen haben, wohin sie gehen sollen oder wie sie zum Beispiel eine Tür öffnen sollen. Unsere Kameraleute sind den Darstellern einfach gefolgt.

„Es kommt der Tag“ wird dominiert von Frauen. Warum sollten sich auch Männer diesen Film ansehen?

Schneider: Na hören Sie mal, wir machen hier ja kein „Sex and the City“. Es werden keine Frauenthemen behandelt wie: „Wie angele ich mir einen Mann?“ Es geht um Schuld und Sühne. Es geht um Verantwortung und Vergebung. Es geht darum, was wir für unsere Ideale tun und was unsere Familien zusammenhält. Das sind doch existenzielle Fragen für unser Zusammenleben und für die Gesellschaft, das geht auch Männer etwas an. Wir hätten eine solche Geschichte natürlich auch mit Vater und Sohn erzählen können, doch dann wäre sie wohl völlig anders verlaufen.

Zur Person

Susanne Schneider studierte an der Kunstakademie in Stuttgart und an der Akademie der Bildenden Künste in Düsseldorf. Im Anschluss arbeitete sie als Regie-Assistentin an den Schauspielhäusern in Düsseldorf und Frankfurt, dann als freie Regisseurin an verschiedenen Theatern in Deutschland und der Schweiz. Bereits für ihr erstes Drehbuch „Fremde, Liebe Fremde“ erhielt sie 1992 den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis. Außerdem schrieb sie die Drehbücher für den Thriller „Solo für Klarinette“, das Drama „Feuerreiter“ (beide 1998) und zuletzt auch für die Krimireihen „Tatort“ und „Bella Block“. Heute lebt Susanne Schneider als freie Autorin und Regisseurin bei Tübingen und arbeitet als Gastdozentin an der Hamburg Media School. „Es kommt der Tag“ ist ihr Kinodebüt als Regisseurin. Auch hier hat sie das Drehbuch selbst geschrieben – und wurde bereits auf der Berlinale 2008 dafür ausgezeichnet.

Zum Film

Im Mittelpunkt von „Es kommt der Tag“ steht die frühere Terroristin Judith (Iris Berben), die vor 30 Jahren ihre Tochter zur Adoption freigab und danach untertauchte. Heute lebt sie im Elsass, ist mit einem Franzosen verheiratet, hat zwei heranwachsende Kinder und betreibt ein Weingut. Doch plötzlich erscheint sie auf einem Foto in einer deutschen Tageszeitung. Ihre inzwischen erwachsene Tochter Alice (Katharina Schüttler) reist nach Frankreich. Sie will wissen, warum sie verstoßen wurde – und sie will, dass sich ihre Mutter der Polizei stellt… „Es kommt der Tag“: Deutschland/Frankreich 2009, 108 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren. Regie: Susanne Schneider. Darsteller: Katharina Schüttler, Iris Berben, Jacques Frantz.

Info

Susanne Schneider ist am Donnerstag, 3. Dezember, um 19.30 Uhr zu Gast in Bad Füssing. In der Filmgalerie in der Sonnenstraße wird sie ihren Film „Es kommt der Tag“ persönlich vorstellen und die Fragen der Zuschauer beantworten. Reservierungen direkt in der Filmgalerie.

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